Verschiedenheit ist die Basis gesellschaftlicher Entwicklung

Dr. phil. Michael Wunder, geb. 1952, leitet das Beratungszentrum der Evangelischen Stiftung Alsterdorf in Hamburg, einer Einrichtung für Menschen mit Beeinträchtigung. Er ist Autor zahlreicher Beiträge zur Medizin im Nationalsozialismus, Behindertenhilfe, Biomedizin und Bioethik. Außerdem ist er Teil des Kuratoriums von ASF. Ein Interview

Selbstportrait aus der Reihe :SichSelbstBestimmen von Steven Solbrig

Selbstportrait aus der Reihe :SichSelbstBestimmen von Steven Solbrig. Die Porträtierten haben selbst entschieden, an welchen Orten, auf welche Weise und in welchen Kostümen sie sich inszenieren wollen. Mehr dazu in unserem Heft auf S. 11.

Als Mitglied des Deutschen Ethikrats beschäftigten Sie sich viele Jahre mit den »Euthanasie«-Morden und der Eugenik. Warum ist es wichtig, sich mit dieser Geschichte auseinanderzusetzen?

Der Eugenik und der »Euthanasie« liegt ein Denken der Ausgrenzung und der Ausmerze von Andersartigkeit und von Fremdheit zu Grunde. Getarnt ist dies mit dem Gedanken der Erlösung von Leiden, meist nur vermeintlichem Leiden. Gerade letzteres ist auch uns modernen Menschen nicht fremd. Irgendetwas in diesem Denken spricht viele auch heute an: nicht nur der Gedanke an die Todesspritze bei schwerer Erkrankung, sondern auch der, ob es denn nicht besser wäre, Menschen mit schwerer Behinderung würden gar nicht geboren. Ich will nicht den Stab über die einzelnen Elternpaare brechen, die sich nach einem pränatalen Befund einer Behinderung für einen Schwangerschaftsabbruch entscheiden. Aber die Masse dieser Entscheidungen heute macht schon Angst. Es geht um unser tägliches Verhalten dem Anderen gegenüber, dem Behinderten, dem Fremden, dem Anstrengenden, dem Lästigen. Die Beschäftigung mit der Geschichte bringt uns dazu, die fundamentale Bedeutung des Respekts vor dem Anderen und den Rechten auf Leben und persönliche Entfaltung zu verstehen.

Ist Inklusion ein Konzept, mit dem die Erfahrung der Geschichte aufgegriffen werden kann?

Ich denke schon. Auch wenn viele Inklusion leider immer noch für ein besseres Wort für Integration halten. Dabei ist Inklusion ein philosophisches Grundprinzip mit der Botschaft »Du gehörst dazu« und »Du bist wichtig für uns andere«. Inklusion basiert auf der Anerkennung der Verschiedenheit und dem Wissen, dass diese Verschiedenartigkeit die Basis der gesellschaftlichen Entwicklung ist. Insofern greift das Inklusionskonzept eine Erfahrung der Geschichte auf, die Adorno in seinen Reflexionen über Auschwitz das »Miteinander des Verschiedenen« als Überwindung der Gleichmachung der Menschen in totalitären Systemen genannt hat.

Deutschland ratifizierte 2009 die UN-Behindertenrechtskonvention. Warum fällt es Schulen und Arbeitgeber*innen bis heute schwer, Menschen mit und ohne Beeinträchtigung zu ermöglichen, zusammen zu lernen und zu arbeiten?

Inklusion ist teuer. Das scheint in vielen Kultusbehörden erst langsam anzukommen. Außerdem verlangt Inklusion Fachwissen in der Behindertenpädagogik, in der Psychologie, in der Medizin. Wer mit der Ideologie »alle müssen gleich behandelt werden« daherkommt und eine besondere Behandlung mit Sonderbehandlung gleichsetzt, produziert ungewollt oder gewollt das Scheitern der Inklusion. Und, wie vielerorts geschehen, die Forderung zum Beispiel von Eltern behinderter Kinder, diese wieder in die Sonderschule zu schicken, weil sie da bessere Bedingungen haben.

Ist es möglich, Ethik und Wirtschaftlichkeit bei der Inklusion am Arbeitsplatz zu vereinbaren?

Selbstverständlich, allerdings nicht überall. Firmen, die je zur Hälfte mit Menschen mit und ohne Behinderung arbeiten, haben in bestimmten Branchen gute Erfahrungen gemacht. Ermutigend sind auch Arbeitsplätze auf dem ersten Arbeitsmarkt, die von behinderten Arbeitnehmern eingenommen werden, die einen Arbeitsassistenten haben. Eine wichtige Erfahrung dabei: Arbeitgeber haben kaum Schwierigkeiten mit einer eventuell geringeren Leistung von Menschen mit Behinderung. Wenn es Schwierigkeiten gibt, dann liegen diese meist im Bereich der Kommunikation und des Verhaltens. Hier setzt die Arbeitsassistenz an und hat damit oft großen Erfolg.

Das Interview führte Friederike Schmidt, Referentin für Öffentlichkeitsarbeit bei ASF.

Inklusion

In der Ausgabe 3/2017 beschäftigen wir uns mit dem Thema Inklusion, also der gemeinsamen Teilhabe aller an der Gesellschaft, und dem Gedenken an die »Euthanasie« in der Zeit des Nationalsozialismus.

Barrierefreiheit

Barrierefreiheit ist die Voraussetzung von Inklusion. Treppenstufen sind Hürden, die vielen Menschen eine Teilhabe an der Gesellschaft erschweren, neben Menschen mit Gehbeeinträchtigung betrifft das auch Eltern mit Kinderwagen oder Senior*innen. Doch der stufenlose Zugang zu Apotheke, Arbeitsplatz und öffentlichen Verkehrsmitteln reicht nicht aus. Veranstaltungen müssen simultan in Gebärdensprache übersetzt oder untertitelt werden. Internetseiten können durch Bebilderung, Leichte Sprache oder Audio-Texte zugänglicher werden.

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