»Wohin bringt ihr uns?«

Zahllose Menschen waren mehr oder weniger direkt von der NS-»Euthanasie« betroffen. Das Nicht-wissen-Wollen begünstigte die Verbrechen. Eine Geschichte von Vergessen, Erinnern und Gedenken – bis heute.

»Der Siegeszug der Sterelation«. Wilhelm Werner, Jahrgang 1898, wuchs in einem bayerischen Armenhaus auf. Mit der Diagnose »Idiotie« wies man ihn 1919 in die Heilanstalt Werneck ein. Er wurde zwangssterilisiert und 1940 in der Gasmordanstalt Pirna-Sonnenstein ermordet. Seine über vierzig Zeichnungen aus den 1930er Jahren
sind wohl die einzigen erhaltenen Kunstwerke eines zwangssterilisierten Opfers aus dem Nationalsozialismus.

»Wohin bringt Ihr uns?« lautet die Aufschrift auf dem Denkmal der Grauen Busse, einer aus Beton geformten Nachbildung der Busse der Reichspost, in denen Menschen aus Psychiatrien, Heimen und Anstalten in die sechs über das Deutsche Reich verstreuten Tötungszentren der Aktion T4 gebracht wurden. Aktuell steht das mobile Denkmal in Frankfurt/Main, nachdem es schon seit Jahren durch Deutschland – mit einem Abstecher nach Poznań – getourt ist. Das Denkmal bringt Geschichte an Orte zurück, denen oft auf den ersten Blick ihre Verwicklung in das NS-Mordprogramm gegen etwa 200.000 Menschen mit Behinderung nicht anzusehen ist. In Berlin stand es im Jahr 2008 an der Tiergartenstraße 4, damals noch eine Bushaltestelle der BVG, und mithin an dem Ort, wo seit 1940 die NS-»Euthanasie«-Verbrechen organisiert wurden. In den späten 1940er-Jahren wurde das im Krieg teilweise zerstörte Gebäude abgeräumt und mit der Philharmonie überbaut. Erst seit 1987 erinnerte eine Inschrift an die Geschichte des Ortes, und es vergingen noch einmal fast dreißig Jahre, bis ein Gedenk- und Informationsort entstand. In Poznań wurde der Beton-Bus vor dem wilhelminischen Kaiserschloss aufgestellt, das damit zum ersten Mal überhaupt als ein Ort markiert wurde, an dem über das Schicksal polnischer Psychiatriepatient*innen entschieden wurde.

»Wohin bringt ihr uns?« – diese Frage stellte der Überlieferung nach eine Patientin, die in einen der Busse steigen musste und zur Ermordung in eine Gaskammer fuhr. Sie suggeriert ein Nichtwissen, das es zweifellos auch gab. Weitaus häufiger aber war das Wissen oder zumindest das Gehört-Haben von Gerüchten, Latrinenparolen und Halbwahrheiten. Fast jeder kannte jemanden, aus dessen Familie ein Mitglied plötzlich nicht mehr in der Anstalt auffindbar war. Als die Aktion T4 schon etwas fortgeschritten war, wussten es irgendwann auch die Patient*innen in den Anstalten: Manche liefen weg, versteckten sich, wurden aber doch gefasst und ihrer Vernichtung zugeführt. Einer, der es angeblich nicht wusste, war Franz Gürtner, der Justizminister des Dritten Reiches: »Der Minister war erschüttert von diesen Tatsachen und hatte nicht die geringste Ahnung davon, was geschah«, notierte Paul Gerhard Braune, der Leiter der Hoffnungstaler Anstalten in Lobetal bei Bernau. Braune wiederum wusste es, weil er wissen wollte: Er forschte den Wegen nach, die seine deportierten Pfleglinge gingen, und verfasste eine Denkschrift, in der er seine Erkenntnisse darlegte. Der Pastor wusste schon 1940, dass es Anstalten gab, in denen Patient*innen ermordet wurden und er spekulierte über die Mordmethode. Dass es Gas war, erschien ihm wohl unvorstellbar, denn er vermutete, dass Unterernährung und Injektionen die Mittel der Wahl waren. Ein anderer Wissender war der Brandenburger Amtsrichter Lothar von Kreyssig, den sein Wissen – genauso wie Braune – ebenfalls zum Justizminister führte. Er verlangte von Franz Gürtner, die von ihm in seiner Funktion als Vormund betreuten Patient*innen nicht mehr »nach unbekannt« zu verlegen. Gürtner starb im Januar 1941, daher können wir nicht wissen, wohin ihn die militärische Niederlage des Dritten Reiches gebracht hätte. Sein früher Tod ersparte ihm, dem Rechtsgelehrten, jedenfalls die Schande, sich von einem juristischen Laien, dem Münsteraner Bischof Clemens August Graf von Galen, wie ein Schuljunge vorführen lassen zu müssen. In dessen berühmter Predigt in St. Lamberti am 3. August 1941 führte der entschiedene Vertreter eines selbstbewussten, seine Positionen wahrenden Katholizismus mit den Worten aus: »Noch hat Gesetzeskraft der § 211 des Reichsstrafgesetzbuches«. Damit führte er den »Deutschen Frauen und Männern«, an die er sich wandte, die Tatsache vor Augen, dass die Ermordung von Pfleglingen auch im Dritten Reich illegal war. Danach offenbarte er sein Wissen, »daß tatsächlich schon eine große Zahl von Geisteskranken in Deutschland vorsätzlich getötet worden ist und in Zukunft getötet werden soll« und forderte die anwesenden Gläubigen auf, »mit jenen, die unschuldige Menschen, unsere Brüder und Schwestern, dem Tode überliefern, (…) jeden vertrauten Umgang [zu] meiden«. Hier kam aber die rhetorische Figur, die Galen aufbaute, an ihr Ende. Seine Gegenüberstellung von bravem westfälischem Gottesvolk und perversen Bürokrat*innen in Berlin funktionierte nur, weil er vielleicht nicht wissen wollte, wer denn die »unschuldigen Menschen« dem Tode überlieferte. Es waren, und das ist auch heute noch eine schmerzliche Erkenntnis in
vielen Familien, die überforderten, die leichtfertigen und auch die pronazistischen Angehörigen, die in manchen Fällen die Propagandafigur der »Erlösung« allzu bereitwillig annahmen.

Ein extremes Beispiel hierfür bietet die Ermordung von Walter Frick. Der Dirigent und Komponist verlor nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten alle Hoffnung auf eine Karriere oder auch nur eine Stellung und war sich dessen bewusst, dass er über kurz oder lang zum Wehrdienst eingezogen würde. Die Folge war ein Nervenzusammenbruch, der sich ausgerechnet in der Wohnung seines Schwagers, eines Mitglieds der SS-Totenkopfstandarten in Oranienburg, ereignete. Der hochrangige SS-Mann veranlasste seine Einweisung in eine Nervenheilanstalt in Bernau, wo er kurz darauf im August 1941 ermordet wurde. Erst seine Enkelin, Julia Frick, fing siebzig Jahre nach dem Tod ihres Großvaters damit an, die Familiengeschichte um die Biografie des Mannes zu erweitern, über den ihrem Vater erzählt wurde, er hätte es »am Magen« gehabt und sei deswegen verstorben.

Diese Form des Nicht-wissen-Wollens war typisch für die Zeit seit dem Beginn der »Euthanasie«-Verbrechen bis in die jüngste Vergangenheit. Bis vor kurzem war es allgemein geübte Praxis, die Namen der Opfer nicht zu nennen – aus Angst, heute lebende Angehörige könnten in Verbindung gebracht werden mit psychisch Kranken und Menschen mit Beeinträchtigung. Betrachtet man die lange und überaus unrühmliche Geschichte der Nichtanerkennung der Opfer und der Abwehr von Forderungen nach Entschädigung und Respekt, mag es fast als ein kleines Wunder erscheinen, dass seit 2015 ein Gedenk- und Informationsort an der Tiergartenstraße in Berlin an die Verbrechen erinnert. Und als fast noch größeres, dass am 27. Januar 2017 der Bundestag in seiner Gedenkveranstaltung explizit der Opfer der NS-Patientenmorde gedachte. Dennoch war dies keine Selbstverständlichkeit, sondern letztlich der Berlinerin Sigrid Falkenstein zu verdanken, die eher zufällig die Geschichte einer Angehörigen recherchierte und dabei feststellte, dass diese in Grafeneck ermordet worden war. Sie war die treibende Kraft dahinter, dass sich Interessierte an einem Runden Tisch im Dokumentationszentrum »Topographie des Terrors« zusammenfanden und die Gedenkstätte an der Tiergartenstraße ermöglichten. Mittlerweile haben auch fast alle psychiatrischen Kliniken ihre Geschichte aufgearbeitet.

Haben wir es also mit einer Erfolgsgeschichte zu tun? Einerseits ja, denn die Erforschung der NS-»Euthanasie«-Verbrechen ist ein Musterbeispiel dafür, was engagierte Bürger*innen erreichen können. Auf der anderen Seite bleibt ein Unbehagen. »Wohin bringt ihr uns?« – diese Frage der ermordeten Patientin ist immer noch in gewissem Sinne unbeantwortet. Sie zwingt uns heute Lebenden darüber nachzudenken, was wir dieser Frau geantwortet hätten. Hätten wir ihr geholfen, sie gerettet oder sie ausgeliefert? Sie, wie so viele Ärzte und Pflegerinnen es taten, in eine Gaskammer geführt?

Robert Parzer ist Historiker und Polonist. Seit 2010 Redakteur des virtuellen Gedenk- und Informationsortes www.gedenkort-t4.eu.

Inklusion

In der Ausgabe 3/2017 beschäftigen wir uns mit dem Thema Inklusion, also der gemeinsamen Teilhabe aller an der Gesellschaft, und dem Gedenken an die »Euthanasie« in der Zeit des Nationalsozialismus.

Euthanasie

Euthanasie kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet »angenehmer Tod«. Gegenwärtig wird der Begriff in der Debatte zur Sterbehilfe verwendet. Seit dem 16. Jahrhundert ist der Begriff Euthanasie belastet durch die (ärztliche) Tötung von unheilbar Kranken, Bewusstlosen und sogenannten Geisteskranken, deren Leben als lebensunwert beurteilt wurde. Während der Zeit des Nationalsozialismus wurden mehr als 300.000 Menschen mit vermeintlichen psychischen oder körperlichen Beeinträchtigungen ermordet. Hierin gipfelte die Anwendung der Nationalsozialistischen Rassenhygiene, in deren Rahmen ebenso viele Menschen zwangssterilisiert wurden, weil ihnen eine »erbliche Minderwertigkeit« zugeschrieben wurde.

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