Ich bin Roma und ich habe dieses Land verteidigt

Edward Paczkowski, Jahrgang 1930, schloss sich als Kind dem polnischen Widerstand an, überlebte Gestapo-Folter und fünf Konzentrationslager. Seine gesamte Familie wurde im NS-Völkermord an den Roma getötet.

Edward Paczkowski, geboren am 20. März 1930 in der polnischen Kleinstadt Grabow, überlebte als einziger seiner Familie den nationalsozialistischen Völkermord an den Roma. Seine Eltern, die beiden zwei älteren Brüder, seine drei jüngeren Schwestern und die Familie des ältesten Bruders wurden im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau inhaftiert und bei der Auflösung des so genannten „Familienlagers“ am 2. April 1944 ermordet.

Im Gespräch mit Anna Meier, der stellvertretenden Leiterin der pädagogischen Abteilung der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Oswiecim/Auschwitz, berichtet Edward Paczkowski über sein Leben als 12-jähriger Roma-Jugendlicher im polnischen Widerstand gegen die deutsche Besatzung und die dreijährige Gefangenschaft in fünf NS-Konzentrationslagern.

Mit den Pfandfindern in den Widerstand: 20 zerstörte Panzer in 12 Monaten

In den 1930er Jahren führten wir ein Nomadenleben: meine Familie wanderte durch ganz Polen, vor allem im Gebiet von Łódź und der Wojewodschaft Kieleckie. Für die Winterzeit suchten meine Eltern dann Mietwohnungen in kleinen Städtchen. Neben der Wohnung hatten wir auch immer einen Pferdestall für unsere Pferde. Ab März gingen wir dann wieder auf Wanderschaft. Im Jahr 1938 wurde mein Vater in Tomaszów Mazowiecki sesshaft. Er hatte als Kind die Schule besucht und wie mein Großvater eine Ausbildung zum Schmied gemacht.

Als mein Vater sich niederließ, richtete er eine Werkstatt ein und stellte acht Polen ein. Meine Mutter kümmerte sich um den Haushalt. Insgesamt waren wir sechs Geschwister, drei Schwestern und drei Brüder. Von den Jungen war ich der jüngste im Haus. Bis der Krieg ausbrach, besuchten wir in Tomaszów Mazowiecki die Schule. Mein Bruder Jozef Benek, den alle nur Benek nannten, war drei Jahre älter als ich und bei den Pfadfindern. Er schlug mir vor, mich ebenfalls den Pfadfindern anzuschließen. Ab 1940 wurde ich Pfadfinder. Benek gehörte der Armia Krajowa, der polnischen Heimatarmee an. Zuerst wollte er mir nicht sagen, was es damit auf sich hatte. Aber dann erklärte er mir, dass ich Waffen tragen würde: Granaten und Benzinflaschen. Damit würden wir die deutschen Panzer zerstören. „Wir zünden sie an und die Panzer werden brennen. Wenn sie brennen, müssen wir wegrennen“, sagte Benek. Ich zögerte zwei Wochen lang, aber dann gab ich nach. In dieser konspirativen Gruppe waren noch drei Polen. Ich musste einen Schwur ablegen, dass ich niemandem ein Wort erzählen würde.

Dann bekam ich die Granaten und mein Bruder brachte mir bei, wie ich mit ihnen umzugehen hatte. Nach zwei Wochen bekamen wir schon den ersten Angriffsbefehl auf vier Panzer und zwei Panzerwagen in der Stadt Piotrków. Erst galt es auszuspähen, ob die deutsche Patrouille schon da gewesen war. Dann haben wir die Panzer mit den Benzinflaschen angezündet. Sobald sie brannten, sind wir weggerannt. Das waren unsere Befehle für Piotrków, Kielce und Radom. Im Verlauf eines Jahres zerstörten wir 20 Panzer und 12 Panzerwagen des Feindes. Eines Morgens legten wir uns unter deutsche Panzer in Kielce. Aber die Späher hatten uns diesmal schlecht informiert. Die erste deutsche Patrouille war zwar vorbei gefahren, aber dann kam eine zweite. Die Gestapo verhaftete uns. Sie fassten uns so plötzlich und blitzartig, dass wir gar nicht so schnell reagieren konnten. Wir hatten seitlich am Körper jeder zwei Granaten, zwei Flaschen Benzin und rückseitig eine Pistole, die wir uns im Notfall an den Kopf halten konnten. Wir hatten nicht eine Sekunde Zeit, so schnell fesselten sie unsere Hände auf dem Rücken und verfrachteten uns in ihr Auto.

 

Alltag in Auschwitz

Eines Tages kam ich von der Arbeit. Auf dem Lagergelände befand sich ein Vorratsmagazin. Ich sah dort Brot und dachte, wenn ich ein Brot nähme, hätte ich etwas zu essen. Also griff ich ein Laib Brot und lief davon. Aber ein SS-Mann verfolgte mich, bekam mich zu fassen und ließ mich nicht mehr los. Er zückte seine Pistole und befahl mir zu tanzen. Er schoss mir auf die Füße und ich hüpfte von einem Fuß auf den anderen. Er zerschoss mir dabei einige Zehen. Erst habe ich das nicht bemerkt, dann spürte ich das feuchte Blut in meinen Holzschuhen. Als die Häftlinge von der Arbeit kamen, gelang es mir zu flüchten. Der SS-Mann konnte mich in dem Gewühl nicht finden und ließ von mir ab. Mein Bein begann zu faulen und eiterte, die Knochen waren durch die Schüsse zertrümmert. Nach zwei Wochen im Krankenbau musste ich wieder arbeiten.

Im Steinbruch von Mittelbau-Dora

Mit 14 Jahren kam ich 1944 nach Buchenwald und war dort vier Wochen im Quarantäneblock. Dann ging es weiter ins Konzentrationslager Mittelbau-Dora. An dem einen Ende des Berg-Tunnels fuhren die Züge raus, dort produzierten die Deutschen die V1. Am anderen Ende des Tunnels schlugen wir die Steine ab, warfen sie auf einen Wagen - den ganzen Tag lang ohne Pausen. In dem Steinbruch habe ich ein Jahr gearbeitet [...] Einmal als mit Dynamit gesprengt wurde und wir nicht schnell genug beiseite gelaufen sind, sah ich einen russischen Häftling neben mir, der erst lachte und dann weinte. Das war Steingas. Der Kapo sagte, dass wir den Stollen verlassen sollten. Wir kletterten einen Stollen tiefer, warteten ein bis zwei Stunden bis das Gas entwichen war und kletterten wieder nach oben. So war unser Leben das ganze Jahr über.

Auf tödlichen Transporten und Befreiung in Bergen-Belsen

Zu Beginn des Jahres 1945 brachte man mich von Dora in das Konzentrationslager Harzungen, einem Außenlager von Buchenwald. Dort gab es vier Holzbaracken, in jeder Baracke waren wir zu Hundert. Eines Tages gegen 23 Uhr wurden unsere Nummern verlesen und wir wurden auf ein Bahngleis zu einem Zug mit vier Güterwaggons gebracht. Die Hände auf den Rücken gefesselt, wurden wir zu den Waggons geführt und man steckte uns unter den angewinkelten Arm jeweils einen halben Laib Brot, das war alles. Dann fuhren wir eine Woche lang in den Güterwaggons ohne Verpflegung, ohne Essen, ohne Trinken.

Letztendlich brachten sie uns in das Konzentrationslager Bergen-Belsen zwischen Hannover und Celle. Ich war dort eine Woche und wir mussten die Leichen auf die Karren ziehen. Dort gab es sehr viele Leichen, sehr viele Leichenhaufen. Eine Leiche zogen wir immer zu zweit mit einer Schnur an deren Hand oder Bein. Dann mussten wir die Leichen in Gruben hinein werfen.

Der 17. April war der Tag unserer Befreiung! Hurra! Hurra! Hurra! Hurra! Uns haben die Alliierten befreit. Das Lager habe ich aber erst nach einer Woche verlassen.

Hitler hat meine ganze Familie vernichtet

Bis zum Herbst 1945 musste ich mit einem Lungenschaden in einem Sanatorium in Deutschland bleiben, dann schloss ich mich dort einer Roma-Gruppe an und kehrte erst 1947 nach Polen zurück. Da war ich 17 Jahre alt und ganz allein: Außer einigen Verwandten mütterlicherseits sind alle Mitglieder meiner Familie während der deutschen Okkupation ums Leben gekommen. Hitler hat meine Familie vernichtet.

Ich bin Roma und ich hab dieses Land verteidigt

Ich mag die Polen sehr gerne. Ich habe von ihnen nie etwas Schlechtes erfahren, Ich habe dieses Land verteidigt, hier wurde ich geboren, hier wurde ich groß und bis zum heutigen Tag achte ich jeden Menschen so wie mich selbst. Ich esse polnisches Brot, es schmeckt mir.

Ich bin ein Roma. Ich kann mich von meiner Tradition nicht lossagen. Wir versammeln uns jedes Jahr im August in Birkenau zum Gedenken an die ermordeten Roma. In den letzten Jahren habe ich an allen Feiern teilgenommen, aber es ist sehr schwer für mich dort hinzufahren. Alle meine Geschwister, meine Mama, meine Schwester, mein Bruder wurden dort ermordet. Bei der letzten Gedenkfeier musste man mich auf einer Trage herausbringen. Ich habe die ganze Zeit nur geweint und geweint. Von 1942 bis 1945 war ich in den Händen des Satans. Ich habe die Gehenna – die Hölle – durchlebt.

Aus dem Polnischen übersetzt von Anna Meier und Arthur Osinski.

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