Wir wollen Solidarität üben

5 Fragen an: Wolfgang Thierse, Vizepräsident des Deutschen
Bundestages und ASF-Kuratoriumsmitglied.

Herr Thierse, warum unterstützen Sie die ASF-Kirchentagsresolution „Keine Abschiebungen von Roma in die Republik Kosovo“?

Aus vielen südosteuropäischen Ländern erfahren wir auch heute noch eine für alle sichtbare und für die Betroffenen schmerzlich spürbare Diskriminierung von Sinti und Roma. Dies reicht von Benachteiligungen im Alltag über den Ausschluss von Teilhabe an Sozialleistungen oder Bildung bis hin zu gewalttätiger Verfolgung, wie wir es nicht nur in Ungarn oder Rumänien beobachten können. Diese Realität erleben Sinti und Roma auch im Kosovo. Davor können wir die Augen nicht verschließen, gerade wenn unsere Behörden sie dorthin abschieben wollen. Hinzu kommt, dass viele der von der Abschiebung bedrohten Menschen bereits seit zwei Jahrzehnten in Deutschland leben, seit sie vor Bürgerkrieg und Verfolgung Anfang der 1990er Jahre aus dem ehemaligen Jugoslawien geflohen sind. Für sie ist eine Rückkehr in ihr Heimatland aufgrund ihrer mittlerweile bestehenden Verwurzelung in Deutschland keine Alternative mehr. Erst Recht gilt dies für jene Kinder, die hier geboren und aufgewachsen sind, hier die Schule besuchen oder eine Ausbildung machen wollen. Welche Perspektiven soll sich diesen jungen Menschen in ihrem „Heimatland“, dessen Sprache sie nicht gelernt haben, vor dem Hintergrund extrem hoher Arbeitslosigkeit und wirtschaftlicher Not denn bieten? Wenn wir diesen Menschen gerecht werden möchten, müssen wir danach urteilen, wie ihnen eine Perspektive für ihr Leben geboten werden kann – und nicht lediglich danach, ob eine Abschiebung rechtmäßig wäre.

Wie kann Ihrer Ansicht nach das gesellschaftliche Bewusstsein für den NS-Völkermord an Sinti und Roma verstärkt werden?

Historische Aufklärung und politische Bildung sind entscheidend. Wir befinden uns in einer Phase des Übergangs: Die Generation der Zeitzeugen – der Opfer, der Täter – stirbt. Die Geschehnisse werden bald nicht mehr aus eigenem Erleben, durch eigene Erzählung weitergegeben können. Daher müssen wir neue Formen finden, wie nachwachsende Generationen sich das historische Geschehen aneignen. Wenn das geplante Denkmal für die ermordeten Roma bei den Menschen in Deutschland und aus aller Welt ein ähnliches, auch empathisch-emotionales Interesse erzeugt wie das Holocaust-Mahnmal, wäre das ein wichtiger Schritt.

Sehen Sie eine veränderte Wahrnehmung durch die Bundestagsrede von Zoni Weisz zum 27. Januar 2011?

Zoni Weisz hat eine sehr bewegende Rede gehalten, in der er nicht nur an die Verfolgung der Sinti und Roma durch die Nationalsozialisten erinnerte, sondern auch auf deren schwierige Lebensbedingungen in vielen, insbesondere osteuropäischen Ländern hinwies. Es ist zu hoffen, dass diese Rede von den Bundestagsabgeordneten, der Bundesregierung wie auch den Regierungen in den Ländern nicht so bald vergessen wird.

Was wäre aus Ihrer Sicht notwendig, um antiziganistische Vorurteile abzubauen?

Neben historischer Aufklärung und politischer Bildung brauchen wir die Begegnung der Menschen. Im unmittelbaren Aufeinandertreffen, im persönlichen Austausch, im zwischenmenschlichen Dialog lassen sich Vorbehalte wirksam und dauerhaft ausräumen.

Welche Bedeutung hat in diesem Zusammenhang das Engagement von Christen?

Als Christen verstehen wir uns – hoffentlich – als Pioniere der Menschenwürde. Das heißt: Wir wollen Solidarität üben mit Schwachen, Armen, Ausgegrenzten. Dies muss auch für die aus dem Kosovo stammenden Roma gelten.

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