„Sie kriegen uns
nicht klein“

Ist Überleben Widerstand? Gedanken über den stillen Widerstand im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau von Christoph Heubner vom Internationalen Auschwitz Komitee

Rose in der Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz/Birkenau

Rose in der Gedenkstätte auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz/Birkenau

Konnte man in Auschwitz überhaupt Widerstand leisten? Diese Frage stellen Jugendliche beim Besuch der Gedenkstätte immer wieder. Die Intensität der Fragestellung hängt auch damit zusammen, dass es aus der Sicht auf die eigene Welt und die eigene Situation schwer erträglich zu sein scheint, einer Welt wie Auschwitz ohne Gedanken des Widerstandes ausgesetzt zu sein.

Und Auschwitz war eine Welt, deren Umrisse und Ausmaße in ihrer absoluten und unendlichen Entsetzlichkeit wir bis heute kaum begreifen können. Sicher, es gibt sie, die heroischen Erzählungen des Widerstandes, des Aufstandes des Sonderkommandos, des Aufstandes im so genannten Zigeunerlager, die der gelungenen und die der gescheiterten Fluchten, die dennoch den Häftlingen im Lager Mut und Hoffnung vermittelten und für die viele als Mitwisser unter Folter und am Galgen mit dem Leben bezahlt haben.

Ebenso berührt haben mich immer wieder die leisen Erzählungen, die aus der Erinnerung und dem Schweigen Überlebender heraufsteigen und oft ganz beiläufig große Beispiele des Widerstandes skizzieren. Würde man die Betreffenden darauf ansprechen und sie gar als Helden apostrophieren – sie würden sich eher belästigt und überhöht fühlen.

Da ist die Situation auf den Latrinen im Quarantänelager in Birkenau. Reihenweise sitzen die Frauen nebeneinander. Eingeschlossen in der Welt des Gestanks, der Demütigung und der allgegenwärtigen Todesangst bedarf es eines unglaublichen Mutes und eines enormen Widerstandswillens, nicht aufzugeben und die völlige Finsternis dieser täglich wiederkehrenden Szene zu ertragen. „Leise haben wir uns dort Gedichte zugeflüstert, die wir in der Schule gelernt hatten“, erzählt mir Dorota, die heute in Jerusalem lebt. „Und mit jedem Laut waren wir die Schulkinder, die nach der Schule nach Hause gingen, in die Sicherheit und Geborgenheit unserer Familien und wir wussten, das Leben und alles, es liegt vor uns und es wird gut sein. Ob wir noch daran geglaubt haben, in dieser Welt des Gestanks, ich weiß es nicht: Aber nie, niemals hat eine von uns gesagt, dass wir nicht mehr daran glauben. Und das war doch schon sehr viel.“

Eine andere Erinnerung, die mir Eva aus Budapest berichtet hat, gehört für mich ebenfalls zu den großen Widerstandserzählungen aus dem Frauenlager in Birkenau – eben weil sie so unvermittelt den Wunsch des Menschen nach Glück und ästhetischem Empfinden darstellt, der auch in einer Atmosphäre von drückender und direkter Gewalt nicht zerbrochen werden kann. Eine Frau, kahlgeschoren und in Häftlingskleidung, jämmerlich anzusehen und abgemagert, geht eine der Lagerstraßen in Birkenau entlang auf dem Weg zu ihrem Arbeitskommando. Plötzlich wird ihr Blick von einem roten Faden auf dem Straßenboden angezogen. Sie bleibt stehen und beugt sich nieder, hebt den Faden auf und legt ihn sich auf die Hand und dann auf die linke Schulter des Häftlingsanzuges: Alles scheint zu leuchten, sie lächelt.

„Eine SS-Aufseherin hat sie beobachtet, stürzt auf sie zu, fegt ihr den Faden von der Schulter, schlägt ihr ins Gesicht und brüllt sie an: ‚Das könnte dir so passen.‘ Und dennoch“, so berichtet Eva weiter, „hat sie uns abends in der Baracke flüsternd erzählt: ‚Heute habe ich einen roten Faden gefunden. Der hat geleuchtet.‘ Und wir haben alles verstanden. Sie kriegen uns nicht klein. Auch das musste man nicht sagen. Das war alles in dem roten Faden drin.“

Christoph Heubner, Jahrgang 1949, Geschäftsführender Vize-Präsident des Internationalen Auschwitz
Komitees und Schriftsteller. Er war ASF-Freiwilliger und Mitarbeiter.

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