Kocham Cię, Europo

Seit zehn Monaten lebe ich in Polen. Ich habe unzählige Diskussionen geführt, Zeitungsartikel gelesen und aktiv an Politik teilgenommen. Ich kann nicht leugnen, dass ein gewisser Nationalstolz in Polen gang und gäbe ist.

Er äußert sich etwa in Form von T-Shirts, die mit polnischen Adlern und POLSKA-Schriftzügen bedruckt sind. Die weiß-rote Flagge ist allgegenwärtig. Betrunkene grölen »Polska, białoczerwony« – »Polen, weiß-rot«. Doch der große Bruder des Nationalstolzes ist mittlerweile auch allen bekannt: der  Rechtspopulismus. Auch er begegnet mir viel zu oft.

Mein überwiegend positives Bild von Polen ist derzeit von den  folgenden bedauerlichen Ereignissen überlagert: Eine Gruppe einer Berliner Schule, die zu großen Teilen aus muslimischen Jugendlichen bestand, bereiste polnische Gedenkstätten und Orte des Holocaust. Einige ASF-Freiwillige hatten für sie in verschiedenen Städten Ausflüge und Führungen organisiert. Die Erfahrungen, die die Gruppe in Polen machte, waren jedoch erschreckend. Immer wieder waren sie verbalen und physischen Anfeindungen gegen ihre Sprache, Kultur und ihr Aussehen ausgesetzt. Auf offener Straße gerufene Beleidigungen, obszöne Gesten und Menschen, die sich wegsetzten, weil ein Mädchen ein Kopftuch trägt, sind nur wenige dieser Situationen.

Während sich Polen hier von seiner hässlichen Seite zeigt, werden auch oppositionelle Stimmen in Politik, Presse und öffentlichem Leben laut. Unter dem Motto »Kocham Cię, Europo« (Ich liebe Dich, Europa) begannen im April 2017 auch in Polen die Pro-EU-Demonstrationen. Ich habe das Potential Polens unterschätzt. Als ich mit einer Freundin auf den Platz kam, wo die Demo beginnen sollte, war ich überwältigt von der Anzahl der Leute, die gekommen waren, um Europa eine Liebeserklärung zu machen. Der Zug von Menschen durch die Altstadt war blau-gelb und nicht weiß-rot. Die Europaflagge hatte die polnische abgelöst. Seit diesem Tag hängt eine in meinem Zimmer. Ist das die Antwort auf Rechtspopulismus? Vielleicht ja schon. Wer Europa liebt, sollte es auch in seiner Diversität mögen. Diese Diversität äußert sich in Polen nicht besonders stark in der Bevölkerung, doch vielleicht ist diese Demo ein Schritt zu mehr Akzeptanz für andere. Und ein Schritt weg vom Populismus, der andere ausschließt.

Jette Helberg, Jahrgang 1998, war 2016/17 Freiwillige in Warschau, Polen. Sie arbeitete im Büro der Fundacja Polsko-Niemieckie Pojednanie (Stiftung Polnisch-Deutsche Aussöhnung) und besuchte und unterstützte Senior*innen zu Hause.