Ich bin froh, dass ich ihnen zuhören darf

Die ASF-Freiwillige Charlotte Schwarz (19) aus Berlin arbeitet im Rehabilitationszentrum für Opfer von Totalitarismus und Krieg in Kiew. Zielgruppen des Zentrums sind Opfer jeglicher Form des Totalitarismus, GULag-Überlebende genauso wie ehemalige Zwangsarbeiter*innen oder KZ-Häftlinge.

Kennenlern-Mittagessen bei Babushka T.

Seit fast 3 Monaten unterstütze ich nun schon das Rehazentrum für Opfer von Totalitarismus und Krieg in Kyiv, einen langjährigen Partner von ASF. Kostenlos stellt dieses Zentrum Opfern von Krieg und Folter medizinische und psychologische Unterstützung (die sonst in der Ukraine für viele unbezahlbar ist!) zu Verfügung. Gegründet wurde es 1994 zunächst für ehemalige Zwangsarbeiter*innen und KZ-Häftlinge sowie Opfer stalinistischer Repression. Mittlerweile werden dort allerdings auch Geflüchtete, etwa aus der vom Bürgerkrieg geplagten Ostukraine, betreut. Aufgrund der Pandemie und des Infektionsrisikos im öffentlichen Verkehr kommen derzeit nur wenige Klient*innen vorbei, einige von ihnen werden von den Ärzt*innen zu Hause besucht. Für meine Mitfreiwillige Monika und mich bedeutet diese Situation allerdings kaum Arbeit im Zentrum selbst – jede von uns kommt nur einmal wöchentlich vorbei, um zu putzen oder Patientenakten zu sortieren. Obwohl wir uns nur auf Abstand und mit Maske begegnen, ist der Umgang mit dem Personal herzlich. Oft stehen für uns nach dem Putzen Tee und Kekse bereit.

Meine Babushki und ich

Den größten Teil meiner Arbeit im Projekt machen Hausbesuche bei insgesamt vier älteren Damen zwischen Mitte 80 und Mitte 90 aus, die bei mir an jedem Wochentag außer Dienstag auf dem Programm stehen. Diese Zeit bedeutet mir sehr viel und jeden Tag ein Stückchen mehr. Der Ablauf der Besuche (meistens bleibe ich um die fünf Stunden) ist je nach Person und Laune ganz unterschiedlich, meist voller Überraschungen, immer unterhaltsam und lehrreich. Zu meinen Aufgaben kann das Holen von Wasser und der Einkauf von Lebensmitteln, Staub wischen und saugen gehören; viele meiner Babushki möchten mir aber auch einfach nur ihre köstlichen ukrainischen Rezepte zeigen, mit mir gemeinsam Russischaufgaben machen oder mir neue Stricktechniken beibringen. Häufig helfe ich auch bei ganz alltäglichen Dingen, die wahrscheinlich die meisten Menschen zwischen Tür und Angel erledigen, die aber ab einem gewissen Alter zu einer echten Herausforderung werden können: den MP3-Player aufladen und bedienen, eine SMS auf dem winzigen Handybildschirm lesen, eine Glühbirne wechseln. Gerade bei dieser Art von Unterstützung kommt mir oft eine große Dankbarkeit entgegen und mich berührt, wie viel Wertschätzung diese im wahrsten Sinne des Wortes „kleinen Dinge im Leben“ bekommen können.

Babushka G. hat für uns gekocht: Fischsuppe, Rettich mit Sojasauce, Brot.

Einmal in der Woche fahre ich nach Periaslav, einer Kleinstadt in der Nähe von Kyiv. Wenn ich in Periaslav aus dem Bus steige, riecht es sofort nach Frischluft und Landleben und so fühlt sich der Besuch bei Babushka T. dann sogleich an: Auch bei winterlichen Temperaturen werkeln wir gemeinsam in ihrem riesigen Gemüsegarten und nach getaner Arbeit setzen wir uns zusammen mit Huhn Karloschka vor ihr kleines Häuschen und essen gebackenen Kürbis mit Himbeermarmelade (natürlich alles aus eigenem Anbau!).
Egal ob in Periaslav oder in den kleinen Wohnungen meiner Babushki in Kyiv, ich gehe jedes Mal mit einem ganz warmen Gefühl nach Hause. Schon nach der kurzen Zeit ist der Umgang mit den meisten so herzlich und vertraut, dass wir unsere eigenen kleinen Witze haben und ich viele Eigenheiten und Routinen von ihnen und ihrem Leben kenne.

Charlotte mit Babushka G.

In der letzten Zeit häufen sich bei den Besuchen leider auch oftmals bedrückende Stunden. Schmerzen und Krankheit, Gespräche über Zerwürfnisse innerhalb der Familie oder Einsamkeit – diese Dinge gehören (gerade zur Corona-Zeit) ebenso zum Leben der Menschen. Mich stimmen diese Besuche auf dem Heimweg traurig und nachdenklich, aber ich bin dann auch froh, dass ich ihnen zuhören durfte und damit den Tag ein wenig aufhellen konnte.

 

Charlottes Friedensdienst wird durch zahlreiche Spender*innen und Pat*innen ermöglicht und durch die Stiftung Erinnerung Verantwortung Zukunft sowie den Internationalen Jugendfreiwilligendienst gefördert.

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Referentin für Fundraising
Auguststr. 80
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Tel: 030 28395-228
E-Mail: rinn[at]asf-ev.de

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