Geschichtswerkstatt Europa
Auf den Spuren der Erinnerung an den NS-Völkermord an den Roma

Anfang August verbrachte eine Gruppe junger Roma aus Russland und junger Deutscher 10 Tage gemeinsam auf der Suche nach Spuren des NS-Völkermord an den Roma.

Gruppe:

Durch unsere gemeinsame Reise, die eindrücklichen Momente, die wir zusammen erlebten und  persönlichen Gespräche hat sich unsere Gruppe gut kennengelernt und freundschaftliche Kontakte geknüpft. Auf der einen Seite wurde ich als deutsche Teilnehmerin mit sehr viel Neugier empfangen, Meinungen wurden erfragt und ausgetauscht und sogar einige Missverständnisse konnten aus dem Weg geräumt werden. „Romakultur“ wurde uns deutschen Teilnehmern gerne gezeigt, wie z.B. an einem gemeinsamen Tanzabend in Smolensk oder einer abendlichen Zugfahrt, die wir singend verbrachten. Auf der anderen Seite hatte ich manchmal das Gefühl, dass eine gewisse Distanz gewahrt wurde. Dies war womöglich der Tatsache geschuldet, dass sich die russischen RomastudentInnen zum Teil schon von anderen Seminaren kannten.

Es war für mich sehr interessant zu beobachten, in wie weit die russischen RomastudentInnnen ihre kulturellen Traditionen im Alltag noch praktizieren und sich mit ihnen identifizieren. Ein Unterschied im Alltag wurde deutlich, als wir uns während einer Pause gemeinsam im Badesee erfrischten, die RomastudentInnen jedoch bekleidet mit Rock und Hose baden gingen. Gerade die Gratwanderung zwischen Bewahrung von Traditionen und Anpassung an die Gesellschaft ist ein sehr spannendes Thema, das ich gerne noch ausführlicher in der Gruppe diskutiert hätte.

Eine inhaltliche Diskussion fand erst am Ende des Seminars in St. Petersburg statt; sie war sehr emotional und warf viele neue Fragen auf. Gerade solche Diskussionen hätten die Begegnungen in der Gruppe noch intensiviert und haben während dieses Seminars als wichtiger Bestandteil gefehlt.

Organisation:

Mir haben inhaltlich die besuchten Veranstaltungen, Orte, Führungen, Erzählungen während des Seminars sehr gefallen und ich habe viele wirklich neue Einblicke erhalten.

Es wurden die richtigen Schwerpunkte gesetzt, um Ziele des Seminars zu erreichen: Es wurde allen Teilnehmern der Missstand der mangelnden Erinnerungskultur an die Opfer der ermordeten Roma auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion bewusst, Kontakte mit anderen jungen Romaaktivisten konnten geknüpft werden und motivierte die Teilnehmer zu eigenen Projekten, Zeitzeugengespräche und die besuchten (Tat-)Orte schufen einen hautnahen Kontakt zur Geschichte.

Die Planung des Seminars war jedoch nicht zu Ende geführt, das heißt, dass organisatorische Angelegenheiten vor Ort erledigt wurden und zu täglichen Überraschungen und Turbulenzen führten. Dies erwies sich für alle Teilnehmenden als sehr anstrengend, es gab kein festgelegtes  Programm sondern nur eine grobe Leitlinie. Ich persönlich habe es jedoch auch als positiv empfunden, nicht in einen strengen Seminarrahmen gedrängt zu werden. Da wir so als Gruppe sehr flexibel waren, ergab sich unter anderem die Chance ein zufällig entstandenes, wichtiges Zeitzeugengespräch zu führen. Für das nächste Seminar ist zu bedenken, dass meiner Meinung nach der Zeitraum für solche großen Entfernungen, wie wir sie zurücklegten, zu eng bemessen war.

Fazit

Für mich hatte dieses Seminar Pioniercharakter: Wir besuchten wirklich Orte wie z.B. ein von Brombeerranken umwuchertes Wäldchen, an denen Erschießungen stattgefunden hatten, sich jedoch schon lange kein Mensch mehr dafür interessiert .Auch die Aufzeichnungen von Zeitzeugenberichte von russischen Roma ist für mich elementar, da dies bald nicht mehr möglich sein wird. Auch das nun geschulte Bewusstsein der Teilnehmer für die Thematik, unter anderem geprägt durch den Besuch in der Gedenkstätte Auschwitz, ist sehr wichtig, um dem Vergessen entgegenzuwirken. Mich haben die zwei Zeitzeugengespräche sehr bewegt, zum einen mit dem deutschen Sinto Mano, der sehr glücklich war, russische Romastudenten zu treffen und zum anderen mit einer alten Romni aus Pskov, die uns in ihrem Wohnzimmer ihr Schicksal im lettischen Kinderkonzentrationslager erzählte. Ich empfand das Seminar deshalb als sehr bereichernd und wichtig. Durch Organisation, jedoch besonders durch inhaltliche Diskussionen in der Gruppe zur Verarbeitung des Gesehenen kann das Seminar noch eine weitere Dimension erreichen.

Das Projekt wurde vorbereitet und umgesetzt vom Antidiskriminierungszentrum Memorial in St. Petersburg gemeinsam mit dem Heidelberger Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma und Aktion Sühnezeichen Friedensdienste.

Ein Bericht von Dorothea Fasslrinner


Das Programm wurde unterstützt und gefördert von:

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