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Wer umsorgt wen?

Wie naiv ich doch war, als ich mich vor etwa einem Jahr mit den verschiedenen ASF-Projekten befasste. „Altenarbeit? Wer will denn den sowas? Das kann ich ja auch in Deutschland machen“ – Nein, darauf hatte ich nun wirklich keine Lust. Zum Glück kommt es im Leben nicht immer wie geplant. Als Israel-Freiwilliger von ASF arbeite ich nämlich in so genannten Kombinationsprojekten – das heißt für mich: Helfen im „Moshe-Dayan-Center for Jewish Arab Cooperation“ und eben auch Helfen in einem Altenheim.

Im  Altenheim Beit Jenny Breuer arbeite ich meistens mit den deutschsprachigen Holocaust-Überlebenden.  Meine Aufgabe ist es, einfach nur für sie „da“ zu sein. Ich helfe ihnen und mache Botengänge, ich spreche mit ihnen, lese ihnen vor, umsorge sie und mache mit ihnen Ausflüge.

Viele haben Leid, Erniedrigung und Verfolgung erfahren. Wie Rachel, die vor 70 Jahren aus Leipzig fliehen musste, und die Unterdrückung, aber  auch ihre Freunde und die geliebte deutsche Kultur zurückgelassen hat. Rachel ist eine der vielen deutschprachigen BewohnerInnen des Beit Jenny Breuer, die die deutsche Sprache gerne hören. Das war für mich am Anfang schwer zu begreifen. Wirklich beeindruckend: Bei allem was „meine Alten“ durchgemacht haben, sind sie unglaublich lebensbejahende und unvoreingenommene Menschen. (Oder sind die Anderen nur nicht da, weil sie an ihrem Leid zerbrachen?) Auch ihr Interesse für das Deutschland von heute ist sehr groß. Vermutlich gehöre ich zu den Letzten von dort, die sie in ihrem langen Leben kennenlernen.

Gerade bei Menschen im hohen Alter ist mir aufgefallen, dass es eine Art „zweite Welle“ des Leids gibt. Sie sind die letzten ihrer Generationen, mehr und mehr AltersgenossInnen verlassen sie und in den Gedanken in ihrem so genannten Lebensabend kehrt ihre Jugendzeit zurück. Manche der Überlebenden waren 1933 genau in meinem Alter. Es macht ihnen Freude, wenn ich ihnen einfach nur zuhöre.

Vertrauen aufbauen

Welche Brücken ins alte Leben noch bestehen, wird mir bewusst, wenn ich den alten Frauen und Männern von meinen Erinnerungen aus Deutschland berichte und umgekehrt, wenn ich ihren Erinnerungen folge. Ich verstehe mich aber nicht als Deutschland-Botschafter. Die „Arbeit“ beruht auf einer sehr persönlichen Ebene. Natürlich sind die Erinnerungen der Überlebenden wenig vergleichbar mit meinen Düsseldorfer Rückblicken. In den Unterhaltungen geht es nicht darum, meine Eindrücke in die imaginäre Waagschale zu werfen, sondern darum Vertrauen aufzubauen.  Ich versuche, für sie da zu sein und sie, so glaube ich, ein bisschen auch für mich. Oft lese ich Gedichte vor, besonders von Heinrich Heine, der auf das Höchste geschätzt, ja geliebt wird. Das sind die Momente, in denen ich mich wieder an Düsseldorf erinnert fühle, an Heines Geburtsstadt, auch an die Heinrich-Heine-Universität, in deren Nähe ich gewohnt habe. Dass ich heute nur  wenige Deutsche kenne, die Heines Gedichte rezitieren oder auch nur hören mögen,  verschweige ich in diesen Gesprächen lieber.

Ich bin glücklich, dass die BewohnerInnen des Altenheims für mich wie eine Ersatzfamilie sind in dem doch manchmal recht verstörenden Israel. Ich leihe ja nicht nur ihnen ein Ohr, sondern sie mir vice versa auch. Oft sitze ich auf dem Balkon und spreche mit Tova, der in den späten 1930ern von Litauen nach Israel kam. Wir haben ein Ritual. Er sagt: „Alt sein ist nicht leicht“. Ich sage: „Jung sein auch nicht“. Dann reden wir darüber, was uns bewegt, über die schönen und die nicht so schönen Dinge. Es gibt kaum Menschen, mit denen ich so offen wie mit Tova reden kann. Am Tagesende, wenn ich im Bus der Linie 7 sitze und durch das Tel Aviver Verkehrschaos nach Hause geschaukelt werde, frage ich mich manchmal: Wer umsorgt hier eigentlich wen?

Autor: Hans Rusinek (21) war von 2009 bis 2010 ASF-Freiwilliger in Israel. Er leistet seinen Freiwilligendienst in Tel Aviv im Moshe-Dayan-Center für jüdisch-arabische Kooperation und im Altenheim Beit Jenny Breuer.

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