Blog | 18. April 2018

Ein Segensspruch, der mich begleitet

Foto: Helena Schätzle

Ein besonderes Erlebnis innerhalb meiner ersten Tage hier in Israel war die Einladung einer Familie zu Rosh HaShana, dem jüdischen Neujahrsfest. Wir waren überwältigt von der Gastfreundschaft. Das Freiwilligenjahr in eine jüdische Tradition eingebunden anzufangen, war schön. Die Familie, die aus Amerika stammt, hat uns dieses Fest und die Segnung der Speisen nähergebracht und erklärt. Das hat mich berührt. Ein Segensspruch, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist und der mich während der Zeit hier begleitet, ist folgender: "May God create yeast in your soul, causing you to ferment, and mature, to rise, elevate to your highest possibilities, to reach your highest self." – Möge Gott in deiner Seele Hefe erschaffen, die dich gären und reifen lässt, dich instand bringt, deine besten Möglichkeiten, dein höchstes Selbst zu erreichen.

Ganz anders als meine Tätigkeit im Kindergarten ist die Arbeit bei Amcha, einer Einrichtung, bei der Holocaustüberlebende psycho-soziale Hilfe in Anspruch nehmen können. Einmal wöchentlich mache ich eigenständig Hausbesuche bei drei älteren Damen: Miriam, Erika und Ruth, um Kaffee zu trinken und uns gegenseitig Geschichten zu erzählen. Mit der Zeit werden diese Bindungen sehr vertraut und intensiv. Die Damen freuen sich, wenn ich ihnen Aufmerksamkeit schenke und ihr Leben etwas bunter gestalte. Auch für mich sind diese Besuche ein Geschenk: Es bereichert mich, dass ich als eine der Letzten in Kontakt mit Holocaust-Überlebenden treten darf.

Mit Miriam hatte ich ein prägendes Erlebnis. Sie ist 98 Jahre alt und wurde in Rumänien geboren. Ihre Familie wurde während des Nationalsozialismus ermordet. Sie bat mich, ihre Geschichte aufzuschreiben und weiterzuerzählen, damit sie nicht in Vergessenheit gerate. Das war für uns beide ein berührender Augenblick. Da sie an Demenz leidet, kann sie mir viele Dinge aus ihrem Leben leider nicht mehr erzählen.

Erika wird nächstes Jahr neunzig. Sie wurde ebenfalls in Rumänien geboren und ist eine unglaublich herzliche Person. Sie ist sehr fit, besonders ihr Umgang mit den sozialen Medien beeindruckt mich: Via Skype und WhatsApp hält sie Kontakt zu allen ehemaligen Freiwilligen aus der ganzen Welt; oft helfe ich ihr beim Beantworten von Nachrichten. Trotz ihres Alters ist Erika offen und liberal eingestellt: Sie ermutigt mich stets, meinen Horizont zu erweitern und in Israel möglichst viele Erfahrungen zu machen. Erika ist mir bereits sehr ans Herz gewachsen und die Gespräche mit ihr und unser gemeinsames Lachen möchte ich nicht missen.

Ruth ist erst 76 Jahre alt. Sie ist eine kluge und gebildete Frau, die Physik, Mathematik, Russisch und Chinesisch studiert hat. Vor einigen Jahren erlitt sie einen Schlaganfall, wodurch das Sprachzentrum in ihrem Gehirn geschädigt wurde. Sie konnte nicht mehr sprechen und hat das mit vielen Therapiestunden und unbeschreiblichem Ehrgeiz und Ausdauer wieder erlernt. Sie hat bereits in vielen Ländern der Welt gelebt und gearbeitet. Da sie noch Probleme hat, sich auszudrücken, verstehe ich noch nicht alles, was sie mir mitteilen möchte. Doch ich lerne immer mehr ihrer „Codewörter“ und kann die Zusammenhänge immer besser verstehen.

Clara Geberth, Jahrgang 1998, ist Freiwillige bei Gan HaSchikumi, einer Vorschule für Kinder mit Beeinträchtigung. Zudem besucht sie ältere Menschen über Amcha Jerusalem, einer psycho-sozialen Beratungsstelle für traumatisierte Überlebende der Schoa.

Clara Geberths Freiwilligendienst wird gefördert durch das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben im Rahmen von IJFD.

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