Blog | Freiwilligen-Blog | 23. September 2020

Eine Einzimmerwohnung voller Einsamkeit

Eine Bereicherung meines Arbeitsalltags war Pani F., eine neue Klientin, die ich ab Januar einmal in der Woche in ihrer Einzimmerwohnung besucht habe. Pani F. ist eigenartig und sehr liebenswert. Die Wohnung von Pani F. befindet sich im Erdgeschoss eines klassischen beigen Plattenbaus. Ich glaube, sie lebt hier schon seit der Nachkriegszeit.

Die winzige Küche ist gleichermaßen Flur und Eingangsbereich. Die Wand ist petrol-grün angestrichen und am Kühlschrank hängen „Happy Chanukka“-Magneten. Der Kühlschrank ist immer voll und auf dem gemeingefährlichen Gasherd steht immer ein roter Topf mit Griesbrei; den mag sie sehr gerne: Manna und Masło (Gries und Butter). Der größte Raum ist das Schlafzimmer, welches gleichermaßen als Wohn- und Esszimmer dient. Das Bett ist eine schiefe Schlafcouch, abgedeckt mit einer gift-gelben Steppdecke. Ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen steht vor dem Bett. Dort essen wir. Mir irgendeine Süßigkeit, die vorher unter Höchstanstrengung irgendwo aus der kleinen Küche ausgegraben wird, anzubieten, ist fester Bestandteil eines jeden Besuchs. Dazu gibt es Nestlé-Instantkaffee, den ich nach einem Monat endlich selbst anrühren darf. Das Gebräu muss laut Pani F. nämlich eine bestimmte Temperatur haben. Ich habe den Koffeingehalt des Getränks am Anfang unterschätzt und hatte regelrecht Herzrasen, als ich nach drei Tassen die Wohnung verließ.

Pani F. will erzählen und kann es auch. Gleich beim ersten Besuch erzählt sie mir von ihrer Kindheit. Eigentlich stammt sie aus einer jüdischen Familie aus dem Umland Warschaus. Ihre gesamte Familie ist nach der Umsetzung des Hitler-Stalin Pakts nach Sibirien deportiert worden. So entkommen sie zwar den Nazis, sie ist aber die Einzige der Familie, die Sibirien überlebt. Sie spricht von der Kälte und dem Verloren-Sein. Nach dem Krieg kommt sie zurück nach Polen, nach Krakau, wo sie bis heute lebt.

Im Laufe der Zeit werden ihre Erzählungen spezifischer. Oft erzählt sie vom NKWD, das sie damals abtransportierte. Ich bin oft wütend auf mich, weil ich Probleme habe, ihr wegen meiner manchmal nicht ausreichenden Polnisch-Kenntnisse, zu folgen. Auch sie macht das sauer, denn sie will verstanden werden und ist neugierig. Kurz ist sie enttäuscht von mir und schüttelt als Zeichen der Resignation den grauen Panikopf hin und her. Sie verzeiht mir aber schnell und sagt mir die Zahlen auf Deutsch auf, singt ein Lied auf Jiddisch und fragt mich, ob ich ihr nicht Jiddisch beibringen könnte, weil es ja so viele ans Deutsche angelehnte Wörter gibt. Wie sie mit meiner Sprachlosigkeit umgeht, hängt immer stark von ihrer Laune ab. Einmal sagt sie „nie mam humoru dzisiaj“ (ich habe heute keinen Humor). Ich umarme sie und entschuldige mich und sie küsst mich auf die Backe, während sie „Kochana, Kochana“ („meine Liebe“) vor sich hinmurmelt. Manchmal verstehe ich nur „Hitler“ und „Stalin“, wenn sie vom Krieg erzählt. An einem dieser Tage unterbrechen Tränen ihre Erzählung. Während sie weint, ärgere ich mich so sehr über mich selbst. Ich kann sie nicht adäquat mit Worten trösten. Wir sitzen uns so gegenüber. Ich versuche es mit Körpersprache. Im Hintergrund dröhnen Queen und David Bowie aus dem Antennenradio, welches immer läuft. Eine Angewohnheit, die meine Oma Bärbel auch pflegte. Das Rasseln von „Under Pressure“ vermischt sich mit unserem Schweigen. Pani F`s Gesicht hellt sich auf. Ich wippe ein wenig unbeholfen mit den Füßen. Sie fragt mich, ob wir tanzen wollen. Sie hat das früher so gemocht. Ich nehme Pani F., dieses 1, 40 m große, robust zerbrechliche Leben an den faltigen Händen und der winzige Raum wirkt groß. Vielleicht, weil das Leben ihn ausfüllt oder weil David Bowie mit Kopfstimme fragt, ob wir der Liebe noch eine Chance geben können.

Ich ziehe Pani F’s dunkle Augenbrauen nach und die zwergigen Stiefel über ihre dicken kleinen Füße. Sie präsentiert mir lächelnd eine Kette mit einer bunten Strasssteineule. Bei mir eingehakt, helfe ich ihr zum Taxi, das sie wiederum nach Kazimierz zum Jüdischen Seniorentreff im Jewish Community Center bringt. Dort geht sie jeden Tag hin, außer am Wochenende. Bevor sie die Tür schließt, fragt sie noch einmal versichernd nach, ob ich nächsten Dienstag wieder um 10 Uhr da sein werde.

Martha hat sich in Krakau (Polen) im Galicia Jewish Museum und für das Maximilian-Kolbe-Werk in der Arbeit mit Überlebenden der Konzentrationslager und Ghettos engagiert.

 

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