Blog | Freiwilligenbericht | 04. Januar 2019

Eine Herzensangelegenheit

Foto: ASF

Für ihr Zwischenseminar beschlossen die Freiwilligen der aktuellen Generation in Norwegen, sich mit der in Norwegen lebenden Minderheit der Sami zu beschäftigen, die nach wie vor von systemischer Diskiminierung betroffen ist. Hier berichten sie über ihre Erlebnisse und Erkenntnisse.

Wenn wir an den Norden von Norwegen denken, haben wir oftmals ein Bild von einer tief verschneiten Landschaft, mit Rentieren, Holzhütten und ein altmodisches Bild der Bevölkerung. Zu dieser gehören auch die Sami. Schon seit Langem sieht die Realität ganz anders aus, doch die Wenigsten setzten sich mit dem Volk der Sami tatsächlich auseinander. Deswegen entschieden wir, die norwegische Freiwilligengruppe, unser zweites Länderseminar in Alta zu veranstalten. Wir kannten uns kaum mit der Geschichte und Kultur der Sami aus und wollten uns gerne näher mit diesem Thema auseinandersetzen. Somit trafen wir vom 09. bis zum 14. Dezember alle elf Freiwilligen in Alta in Nordnorwegen. In dieser Gegend Leben auch heute noch viele samische Menschen.

Die Samen zählen zu den Minderheiten in Norwegen und hatten in der Vergangenheit sowie heute mit starker Diskriminierung und Unterdrückung zu kämpfen. Diese fängt bei fehlenden Dolmetscher*innen für die samische Sprache bei Behörden an und geht bis zur systematischen Benachteiligung. Auch genau deswegen war es sehr wichtig für uns Freiwilligen, uns mit Diskriminierung von Minderheiten in Norwegen auseinanderzusetzen.

Einen sehr beeindruckenden Einstieg in das Thema bekamen wir eigentlich durch Zufall. Beim Besuch des Museums in Alta konnten wir spontan an einer Veranstaltung für Kinder teilnehmen, bei der traditionell samische Musik mit einer Choreografie eines koreanischen Tänzers verbunden wurde. Die erst fremdartig klingende, aber sehr vielfältige Musik und der ruhige, spannungsvolle und sich steigernde Tanz, in dem der Tänzer immer losgelöster von der Realität erschien und eindrucksvoll Tiere nachahmte, machte das, was worüber wir schon viel in der Gruppe gesprochen hatten, für uns wirklich lebendig. Besonders interessant war auch das Gespräch mit dem Musiker im Anschluss, indem er uns erzählte, wie erstaunt er selber über die sehr ähnlichen Themen der samischen und der koreanischen Kultur war.

Doch neben der Kultur ging es in dieser Woche auch sehr oft um die bewegte Geschichte des samischen Volkes und die Entwicklung der politischen Bewegungen. Dank dieser gibt es seit 1989 in Norwegen ein eigenes Parlament, das Sametinget, das sich für die Interessen der samischen Bevölkerung einsetzt. Dieses liegt in der kleinen Stadt Karasjok im Landesinneren, nicht weit von der finnischen Grenze entfernt. In der Mitte der Woche nahmen wir die dreistündige Autofahrt von Alta nach Karasjok auf uns – das war ein Erlebnis für sich. Wir bekamen während dieser Stunden in dieser besonderen, weißgefrorenen Landschaft ein ganz anderes Gefühl für die unglaublichen Weiten im Norden Norwegens. Als wir dann in Karasjok aus dem Auto stiegen, waren minus 17 Grad. Das Gebäude des Sametinget ist dem traditionellen Zelt, dem Laavú nachempfunden und von Weitem sichtbar. Wir hatten das Glück, eine eigene Führung zu bekommen, in der wir auch viel zu aktuellen Problemen und Diskussionen erfuhren. Ein großes Thema ist der Erhalt der samischen Sprachen, die von immer weniger Menschen beherrscht werden. Außerdem geht es immer wieder um die Rentierzucht, um Zwangsschlachtungen und die kleiner werdenden Weideflächen.

An diesen Besuch anschließend hatten wir zwei Tage später ein Gespräch mit Ronny Wilhelmsen, der selber Abgeordneter im Sametinget ist und dort die norwegische Arbeiterpartei vertritt. Er kam extra in seiner samischen Tracht und war offen für alle unsere Fragen. Er sprach viel davon, warum er sich als Sami identifiziert, obwohl er kein Samisch spricht und ein „ganz normales“ Leben abseits von Rentieren und Fischfang führt. Die Sitzungen im Sametinget scheinen für ihn eine Herzensangelegenheit zu sein. Dieser letzte Programmpunkt rundete das Seminar für uns sehr gut ab – und zeigte uns auf beeindruckende Weise, wie auch im heutigen Leben in einer modernen Gesellschaft die samische Identität eine zentrale Rolle spielen kann und es sich lohnt, für die Erhaltung dieser Kultur zu arbeiten.

Das Seminar in Alta war für uns als ASF-Freiwilligengruppe sehr wichtig, da wir auch hier in Norwegen dazu beitragen wollen, die Völkerverständigung zu fördern und uns intensiv mit der norwegischen Kultur auseinandersetzten wollen.

Die Freiwilligen in Norwegen leben und arbeiten im ganzen Land verstreut in gemeinnützigen Projekten. Hier gibt es eine Übersicht über den Freiwilligendienst in Norwegen.

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