Blog | Freiwilligen-Blog | 06. Mai 2020

Freiwilligendienst auf Distanz - weit entfernt und doch verbunden

Es ist 10 Uhr morgens, Dienstag, der 28. April. Ich klappe mein Laptop auf, klicke auf den Zoom Link und schaue in die Gesichter meiner Kolleg*innen. Sie sitzen jetzt gerade in Wien, Budapest, Belgrad und Glasgow. Seit gut eineinhalb Monaten arbeite ich nun von zuhause aus. Wie jeden Morgen haben wir auch an diesem Tag wieder unseren Morning Call. Dabei besprechen wir, was an dem Tag so ansteht und welche Aufgaben wir am Tag davor erledigt haben. Ganz wichtig ist am Anfang des Telefonats immer der IceBreaker. Wir teilen beispielsweise Glücksmomente, müssen in 90 Sekunden jemanden aus dem Team malen oder sprechen über die liebsten jüdischen Feiertage (oder ich erzähle von meinem liebsten christlichen Feiertag).

Mit diesem morgendlichen Team Meeting bekomme ich eine Struktur in meinen Tag, die mir in diesen Zeiten sehr hilft. Es ist ein bisschen so, als würden wir alle zusammen im Büro in Brüssel sitzen und miteinander scherzen. 

Im Moment veranstalten wir vor allem einige Webinare zu verschiedenen Themen. Wir haben Gespräche mit Europaabgeordneten, vor kurzem hat uns ein Vertreter einer jüdischen Flüchtlingsorganisation von der Lage in den Flüchtlingscamps auf den griechischen Inseln berichtet. Ein Shoah Überlebender erzählt uns anlässlich von Yom HaShoah seine Geschichte. Am Samstagabend feiern wir gemeinsam virtuell Havdallah, also das Ende des Shabbats und damit den Beginn der neuen Woche.

Bis vor sechs Wochen sah mein Arbeitsalltag in Brüssel so aus: Morgens trudele ich planmäßig so gegen 9, aufgrund des Brüsseler Verkehrschaos aber meistens eher zwischen 9 und 10 im Büro ein. Meistens bespreche ich mit meiner Chefin, was an dem Tag so ansteht und was ich für Aufgaben erledigen darf. Dann werfe ich einen Blick in meine Emails, lese mich in das aktuelle Weltgeschehen ein und widme mich dann den verschiedenen Aufgaben. Häufig erstelle ich Graphiken mit Fotoshop, plane und gestalte andere Dinge für die Sozialen Medien, verwalte Email Accounts oder erstelle Newsletter.Mittags essen wir dann zusammen, meistens kommen auch noch Kolleg*innen aus dem Nachbarbüro dazu. Dabei reden wir über alles mögliche und lachen sehr viel zusammen. Dieses gemeinsame Mittagessenritual und die Gemeinschaft, in der ich da bin, genieße ich sehr. Nach einem Espresso geht es dann wieder an die Arbeit. Häufig läuft in dem Raum, in dem ich zusammen mit zwei Kollegen sitze, Musik, manchmal israelisches Radio, manchmal Wiener Walzer. Gegen 17 Uhr geht es für mich dann in den Feierabend, ab und zu zum Yoga, manchmal aber auch einkaufen oder zu den anderen Freiwilligen.

Am Wochenende mache ich häufig Ausflüge und besuche andere Freiwillige. Das ist nämlich das Tolle in Belgien: Man kommt nicht nur in diesem kleinen Land selbst überall ganz schnell und günstig hin, sondern kann auch einfach mal eben für ein Wochenende nach Paris, Amsterdam oder, das ist dann allerdings ein bisschen teurer, nach London fahren.

Es gibt so viele Momente, an die ich mich gerne zurückerinnere. Besonders spannend war für mich das „EU Activism Seminar“ in Brüssel, das die EUJS veranstaltet hat. Es ging dabei um jüdische Lobbyarbeit und die Institutionen der EU. Europäische Politik nicht nur im Fernsehen zu sehen, sondern selber durch das Parlament zu laufen und mit Politiker*innen sprechen zu können, war für mich eine neue und wertvolle Erfahrung.

In den ersten Monaten habe ich mich hauptsächlich damit beschäftigt, ein Seminar, das im Dezember in Yad Vashem stattgefunden hat, zu organisieren. Das war ein Seminar, das von Yad Vashem für jüdische Studierende und Aktivist*innen veranstaltet wurde. Es ging dabei um neue Wege der Erinnerungskultur, verschiedene Sichtweisen auf die Shoah und deren Einfluss auf die heutige Zeit. An diesem Seminar durfte ich dann selber auch als Vertreterin der EUJS teilnehmen. Das war eine sehr intensive Zeit für mich und die Themen und Begegnungen dort, vor allem mit Überlebenden, sind mir sehr nahe gegangen.

Auch die verschiedenen Shabbat-Feiern, die ich in den letzten Monaten mitfeiern durfte, haben mich jedes Mal sehr bewegt. Besonders beeindruckt hat mich der Freitagabend in Jerusalem, als die ganze Stadt still stand.

Nun sitze ich jetzt hier zuhause, nachdem ich mich ganz überstürzt bis auf Weiteres von meinem Leben in Brüssel verabschieden musste. Das war und ist natürlich nicht leicht, vor allem nachdem ich gerade das Gefühl hatte, in Brüssel anzukommen. Aber ich versuche die Situation so anzunehmen, wie sie ist. Ich erfreue mich neben der Arbeit, die ich für die EUJS machen kann, auch an all diesen tollen Erinnerungen, die ich in den letzten Monaten gesammelt habe. Außerdem habe ich in diesen Tagen sehr viel Kontakt mit meiner Ländergruppe und anderen Freiwilligen. Das hilft mir dabei, mit dieser Unterbrechung klar zu kommen!

Josepha absolviert ihren Freiwilligendienst in Brüssel bei der European Union of Jewish Students, einer Dachorganisation von jüdischen Student*innenvereinigungen aus ganz Europa.

Mehr Informationen zum Freiwilligendienst in Belgien.

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