Aktuelles | Aufschrei gegen Rassismus | 11. Juni 2020

Situation in den USA

“Entweder COVID, Polizisten oder die Wirtschaft ermorden uns“ (It’s either COVID is killing us, cops are killing us or the economy is killing us): Priscilla Borkor, Sozialarbeiterin, bringt die aktuelle Ausweglosigkeit von vielen Afro-Amerikaner*innen am 29. Mai auf einer Demo in Brooklyn auf den Punkt (Quelle: TIME Artikel vom 4. Juni). Die Debatte um Rassismus in der Polizei ist keine neue, wie wir an den Namen der von der Polizei ermordeten Afro-Amerikaner*innen sehen können. George Floyd, erstickt in Minneapolis durch die Hand eines weißen Polizisten, war nur einer von vielen, davor gab es Eric Garner, Michael Brown, Breonna Taylor und viele andere  Opfer, deren Namen nicht bekannt sind.

„I can’t breathe“, George Floyds verzweifelte letzte Worte sind in mehrfacher Hinsicht zu verstehen – als Aufschrei eines Menschen aber auch als Aufschrei einer Gemeinschaft, die dem Rassismus der weißen Mehrheitsbevölkerung seit der Sklaverei ausgesetzt ist. Nicht atmen zu können und dabei zu ersticken - das richtet den Fokus auf die sozialen Ungleichheiten von Individuen und bestimmten Gruppen in der US-amerikanischen Bevölkerung, die institutionell und systemisch bis heute existieren.

Wie sonst ist zu erklären, dass in einer Metropolregion wie Minnepolis/St. Paul, die zu den lebenswertesten Städten in den USA zählt, das durchschnittliche Einkommen von afro-amerikanischen Haushalten 40.258 US-Dollar beträgt, während weißen Haushalten 68.145 US-Dollar zur Verfügung stehen? Daraus resultieren eklatante Unterschiede in der Wohnungssituation, bei der Lebensmittel- und Gesundheitsversorgung, bei der Bildung und bei der Wahrscheinlichkeit, im Gefängnis zu landen.

Wir erleben ein Land in Aufruhr, weil der Funke nach einer fast dreimonatigen Lähmung des öffentlichen Lebens durch die COVID-19 Epidemie explosionsartig übergesprungen ist. Zu den oben genannten Ungleichheiten kommt hinzu, dass mehr Afro-amerikaner*innen an COVID-19 erkrankt und gestorben sind als Weiße, dass viele Afro-amerikaner*innen ihren Job verloren haben und keine Ersparnisse haben, um die Einkommensausfälle abzufedern. An dieser „dual pandemic – illness and racism“ (so Connie Bunch III in einem Webseminar des American Jewish Committee (AJC)) ist das Land erkrankt.

Die friedlichen Proteste nach dem Tod von George Floyd dauern an. In den Nächten gibt es noch vereinzelt Unruhen und Plünderungen. Wer dahinter steht, weiß keiner. Es sind immer vereinzelte Gruppen und Menschen, die kein politisches Ziel verfolgen, sondern Randale provozieren wollen. Die Regierung von US-Präsident Donald Trump hat die Randalierer zum Anlass genommen, ihrer Basis zu demonstrieren, dass „Ruhe und Ordnung“ mit allen Mitteln, und sogar mit mehr Armeegewalt, durchgesetzt werden sollen. Zum Glück solidarisieren sich Polizist*innen, Politiker*innen und alle demokratischen Kräfte mit den friedlichen Protesten und bezeugen auf diese Weise ihre Solidarität. Dass sich nach diesen Unruhen etwas ändern muss, ist uns allen klar. Die „Black Lives Matter“-Bewegung, die bereits respektable Veränderungen bewirken konnte, obwohl sie auch aus einer Graswurzelbewegung entstanden ist, kann dabei als Beispiel dienen.

Unsere Partnerorganisationen und Unterstützer*innen bei Aktion Sühnezeichen Friedensdienste haben sich alle gegen diskriminierende Polizeigewalt ausgesprochen. Sie arbeiten im Kern, wie wir auch, gegen Genozid, Rassismus, Antisemitismus, Xenophobie, Homophobie und viele andere diskriminierende Praktiken. Im Augenblick, in Zeiten der Epidemie, bieten einige Onlineseminare, Webinare und Aktionen an, in denen sie Bildungs- und Aufklärungsarbeit leisten. Holocaust-Überlebende betonen sehr gern, wenn sie vor Schülern sprechen, dass Zivilcourage bitter nötig ist und wie relevant das Lernen über den Holocaust gerade für afro-amerikanische Schüler*innen ist.
Wir sind alle aufgerufen, uns, unsere Mitarbeiter*innen und Freiwillige über Vorurteile, rassistische Praktiken im Alltag zu informieren sowie ernsthaft die Privilegien (unserer) weißen Hautfarbe zu hinterfragen. Erst wenn wir uns ehrlich der Aufgabe stellen, werden aus Lippenbekenntnissen, die wir überall hören, glaubwürdige Taten. Erst dann können viele Menschen in unserer Mitte wieder atmen.

ASF engagiert sich seit 1968 in den USA und setzt sich für Frieden und Verständigung ein. Unsere Freiwilligen arbeiten in Bildungseinrichtungen wie dem Holocaust Museum in Washington DC und dem Illinois Holocaust Education Center, in dem Bildungsangebote gegen Genozid und Völkermord angeboten werden. Unsere Freiwilligen lernen bei Seminaren Einrichtungen und Museen kennen, die ihnen helfen, die Realität von Afro-Amerikaner*innen besser zu verstehen.

Zum Weiterlesen:

Alex Altman „Why the Killing of George Floyd parked an American Uprising” TIME article vom 4.6.2020

https://redaccion.lamula.pe/2020/06/02/no-puedo-respirar-racismo-ininterrumpido-en-estados-unidos/redaccionmulera/

https://www.census.gov/content/dam/Census/library/visualizations/2018/demo/p60-263/figure1.pdf

“This is too difficult a time for Blacks and Jews to be separated.” Leading historian Lonnie Bunch III joined AJC to discuss America’s racial divide and ways to improve Black-Jewish cooperation. https://www.youtube.com/watch?v=j6ebVjdjNJc&feature=youtu.be

www.wbur.org/cognoscenti/2020/06/01/george-floyd-systemic-racism-boston-lee-pelton
Whiteness: https://www.racialequitytools.org/resourcefiles/mcintosh.pdf

“White fragility”: slate.com/human-interest/2019/09/white-fragility-robin-diangelo-workshop

Monika Moyrer hat von 2000 bis 2007 in Minneapolis studiert und ist daher betroffen von den Ereignissen in Minneapolis/St. Paul. Sie hat die Twin Cities als eine liberale, tolerante und multikulturelle Metropole erlebt, was sich beim genauen Hinsehen nicht so für die Afro-Amerikaner*innen oder Latinas darstellt. Seit ihrem Wegzug aus Minneapolis hat sie an verschiedenen Universitäten und Colleges in den USA Deutsch unterrichtet. Seit August 2019 arbeitet sie im ASF-Landesbüro Philadelphia.

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