Blog | 25. Oktober 2018

Willkommen im Hotel Brown

Gregor begleitete Magda durch Berlin. Sie war zu Gast beim 60. Jubiläum von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. Foto: privat

Gregor Darmer war vor 12 Jahren im Freiwilligendienst in den USA. Eine Zeit, die ihn bis heute sehr prägt. Er berichtet von seiner Freundschaft zu der NS-Überlebende Magda Brown Es ist die Geschichte einer ganz besonderen Beziehung zwischen »boyfriend« und »grandma«.

Ich erinnere mich noch genau an meine erste Begegnung mit Magda Brown vor zwölf Jahren. Sie sprach als Zeitzeugin in dem Museum, in dem ich gerade meinen Freiwilligendienst begonnen hatte. Sie berichtete von ihrer Heimatstadt in Ungarn, wie sie an ihrem 17. Geburtstag nach Auschwitz und später in eine Munitionsfabrik ins hessische Stadtallendorf deportiert wurde. Magda hat Dinge gesehen und erfahren, die mit Worten kaum zu beschreiben sind. Dennoch ist das Glas für sie immer halb voll und sie begegnet Menschen mit unglaublicher Offenheit und Herzlichkeit. Als ich mich nach ihrem Zeitzeugengespräch als neuer ASF-Freiwilliger aus Berlin vorstellte, lud sie mich gleich zu einem Kaffee in ihr Haus gegenüber dem Museum ein. Fortan verbrachte ich meine Mittagspausen in ihrer Küche. Im kalten Chicagoer Winter bot sie mir an, bei ihr zu übernachten, um mir den langen Weg zur Arbeit zu ersparen. Sie kochte ungarischen Gulasch für mich. Oft saßen wir bis spät in die Nacht an ihrem Küchentisch und diskutierten über die Gegenwärtigkeit der Vergangenheit. Gemeinsam besuchten wir Konzerte und sie lud mich als Teil der Familie zu jüdischen Feiertagen ein. Magda ist während meines Freiwilligendienstes meine »amerikanische Oma« geworden. Umso schwerer fiel es mir, mich nach meinem letzten Arbeitstag von ihr zu verabschieden. Wir drückten uns und ich fragte mich, ob wir uns wohl wiedersehen würden.

Das taten wir schon bald regelmäßig: per Skype. Zurück in Deutschland fing ich an zu studieren, ging erneut ins Ausland, begann zu arbeiten, heiratete und wurde Vater. In allen Lebensphasen blieben die Gespräche mit Magda trotz aller Veränderungen und Entfernungen eine Konstante. Wenn sie reiste, um vor Schulklassen überall in den Vereinigten Staaten von ihrer Überlebensgeschichte zu berichten und ihre Botschaft von »Think before you hate« und »protect your freedom« zu verbreiten, folgten am Abend noch kurze Berichte per Email: »Spoke at a university in California and bragged about my German boyfriends« – mit uns ASF-Freiwilligen gab sie also an. Seit zwölf Jahren halten wir uns per Email gegenseitig auf dem Laufenden. In Momenten des Zweifelns rufe ich Magda an, um ihren Blick auf die Dinge zu erfahren. Nach einem Telefonat habe ich mehr Klarheit und den Eindruck, von ihrer »Altersweisheit« zu profitieren.

Zwei Jahre nach meinem Freiwilligendienst sahen wir uns tatsächlich wieder. Alle ehemaligen ASF-Freiwilligen wurden zur Eröffnung des neuen Illinois Holocaust Museum and Education Center eingeladen. Auf meine Frage, ob ich während der Tage bei ihr übernachten könne, antwortete Magda nur »The Brown-Hotel will be open«. 2010, ich machte gerade ein Praktikum in New York, lud sie mich zu Thanksgiving nach Chicago ein und ich kam wieder im »Brown-Hotel« unter. 2011 besuchte sie mich dann in Big Apple. Zwei Jahre später wurde Magda für Ihr Engagement gegen das Vergessen eine Ehrendoktorwürde verliehen. Ich reiste erneut nach Chicago, um an diesem großen Tag dabei zu sein. Mein letzter Besuch in meinem alten ASF-Projekt erfolgte schließlich zu ihrem 88. Geburtstag 2015. Wieder war ihre Tür für mich geöffnet und ich erinnere mich an bewegende Abende in Magdas Küche, an denen sie mir (wie früher) vom Lageralltag in Ausschwitz und ich ihr von der aktuellen Lage in Deutschland berichtete. Wie so oft diskutierten wir, wie die Erinnerungen an die Verbrechen des Nationalsozialismus wachgehalten werden können und welche Lehren für Gegenwart und Zukunft gezogen werden müssen. Ich erzählte ihr von Berlin und wie sich die Erinnerung an den Holocaust allein durch Stolpersteine und Mahnmale im Stadtbild widerspiegelt. Nicht ernsthaft hätte ich mir erträumt, ihr all das eines Tages persönlich zeigen zu können. Kurz vor ihrem 91. Geburtstag kam Magda jedoch anlässlich des ASF-Jubiläums noch einmal nach Deutschland. Nach all den Jahren, in denen sie mich am Flughafen in Chicago empfangen hatte, war ich es nun, der am Gate in Berlin-Tegel auf sie wartete und sie im »Darmer-Hotel« willkommen heißen durfte.

Gregor Darmer war 2006/07 Freiwilliger im Illinois Holocaust Museum and Education Center in Skokie. Anschließend studierte er in Erfurt, Seoul (Südkorea) und Berlin Kommunikations- und Staatswissenschaften sowie Politik und deutsche Nachkriegsgeschichte. Nach Stationen bei den Vereinten Nationen und im Auswärtigen Amt arbeitet Gregor derzeit als Kommunikationsmanager für Politische Kommunikation bei der Stiftung Mercator.


Jetzt bewerben für einen Freiwilligendienst mit Aktion Sühnezeichen. Hier geht es zur Bewerbung.

 

 

Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e. V. auf Instagram Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e. V. auf YouTube