Aktuelles | 12. März 2020

Niemand flieht ohne Grund

Fotograf: Thomas Lohnes/EPD

„Manchmal scheinen diese Gründe für die anderen nicht wichtig genug zu sein, aber Mutter und Vater, die Familie hinter sich zu lassen, das ist nicht einfach. Niemand flieht ohne Grund. Jeder Mensch sollte das Recht haben, zu kommen, zu bleiben und zu gehen. Das wäre menschlich.“

Diese Worte stammen von Momodou K., der vor zwei Jahren an einem Bildungsprogramm von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste teilgenommen hat. Er ist 2015 als unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter aus Gambia über eine gefährliche und lange Fluchtroute über Libyen und das Mittelmeer nach Deutschland gekommen.

Seine Worte fallen uns ein, wenn wir die Situation der Geflüchteten an der türkisch-griechischen Grenze sehen. Die Berichterstattung ist von Abschottung und Unmenschlichkeit geprägt. Die Geflüchteten werden im Machtkampf zwischen der Türkei und der EU instrumentalisiert und der vorherrschende Tenor bei uns ist, dass die Migrant*innen von der Grenze entfernt werden müssen und sich die Situation von 2015 nicht wiederholen dürfe. Damals gab es eine breite Solidaritätsbewegung, die sich in Willkommensinitiativen ausdrückte. Die Einwanderung des Jahres 2015 war und ist zweifelsohne eine Herausforderung. Sie befeuerte auch eine gefährliche rechtspopulistische und antidemokratische Bewegung in Deutschland, die Rassismus in die Mitte der Gesellschaft trug. 2015 war aber auch von einer Welle der Solidarisierung, des Mitgefühls, der Unterstützung und einer Offenheit für Migrationsprozesse geprägt, die viele Teile unserer Gesellschaft zum Positiven verändert und bereichert hat.

ASF-Geschäftsführerin Jutta Weduwen: „ASF setzt sich dafür ein, dass politische Debatten nicht auf dem Rücken von Schutzsuchenden ausgetragen werden und dass das Recht auf Asyl umgesetzt wird. Deutschland trägt hier eine besondere Verantwortung aufgrund der eigenen Geschichte und der wirtschaftspolitischen Stärke. Die aktuelle Situation an der türkisch-griechischen Grenze und in den Flüchtlingslagern in Griechenland und in vielen anderen Ländern ist unerträglich. Wir appellieren an die politischen Verantwortlichen, sich für eine Verteilung und Aufnahme der Geflüchteten in Deutschland und der EU und für eine Verbesserung der Situation in den Flüchtlingslagern einzusetzen.“

 

Hier der ganze Bericht von Momodou K.* aus Gambia:

Niemand flieht ohne Grund

Dort, wo ich herkomme, haben wir eine bestimmte Tradition: Wir kommen zusammen und die Leute, die viel Wissen haben, erzählen. Wenn sie zum Beispiel ein Buch über Geschichte gelesen haben, dann geben sie dieses Wissen an die anderen Menschen in der Runde weiter. Das ist vielleicht nicht immer ganz richtig, weil die Person, die erzählt, die Geschichte anders oder nicht ganz richtig verstanden hat. Aber so habe ich auch von der nationalsozialistischen Geschichte gehört.

Ich komme aus Gambia und bin über Libyen und Italien 2015 nach Deutschland gekommen. Meine Mutter und meine fünf Geschwister leben noch in Gambia. Ich bin der erste Sohn und muss meiner Mutter helfen. Deshalb muss ich hier in Deutschland einen guten Weg finden, damit es auch meiner Familie gut geht, damit sie nicht unzufrieden ist. Ich mache jetzt erst einmal meinen Hauptschulabschluss und dann hoffentlich eine Ausbildung als Industriemechaniker oder Sanitäter. Das würde ich mir wünschen.

Aber ich habe Angst, dass mein Traum nicht mehr Wirklichkeit wird. Mein Traum, in Deutschland zu bleiben, hier die Schule zu besuchen und eine Ausbildung zu machen. Eigentlich machen die Politik und die Gesellschaft in Deutschland viel dafür, dass sich die Geschichte des Nationalsozialismus nicht wiederholt.

Jetzt hat es die AfD in den Bundestag geschafft. Ich habe viele nette Menschen in Deutschland kennengelernt, aber es gibt trotzdem so viele, die sagen: Deutschland soll nur für Deutsche sein. Du und Du und Du, ihr sollt gehen. Aber wer ist deutsch? In jedem Land sollten und können Menschen mit verschiedener Herkunft leben. Wir alle sind doch Teil dieser Erde. Viele Menschen kommen, so wie ich, mit großer Hoffnung nach Europa und nach Deutschland.

Mit dem Wissen um die Geschichte kann man die Welt verstehen und man kann sich orientieren. Deshalb finde ich, dass es wichtig ist, sich mit der Geschichte zu beschäftigen und sich auszukennen. Es kann sein, dass wir in zehn Jahren in unsere Länder zurückkehren. Dann können wir in unserem Land unser Wissen und unsere Meinung einbringen. Wenn ich um die Geschichte des Nationalsozialismus weiß, dann weiß ich doch ganz klar, welche Haltung und Meinung ich haben muss. Eben eine demokratische Haltung mit vielen Ideen. Und vielleicht kann ich auch eines Tages dieses Wissen mit nach Gambia nehmen und das Land verändern und weiterbringen.

Durch ein ASF-Seminar in Berlin habe ich viel über die Geschichte des Nationalsozialismus gelernt und neue Informationen bekommen. Ich finde es gut, dass es das Denkmal für die ermordeten Juden Europas gibt. Das Denkmal hat mich an einen Friedhof erinnert. Es gibt diesen Ort, an den alle kommen können, ob sie in Berlin wohnen oder als Tourist*innen da sind. Den Ort, an dem man an die ermordeten Juden erinnert. Der Ort erinnert und sagt: Schaut in die Geschichte und seid wachsam. Passt auf, dass sie sich nicht wiederholt.

Zwei Geschichten haben mich während der Studienreise besonders bewegt. Im Haus der Wannsee-Konferenz habe ich ein Foto gesehen. Ein Foto, das die Ankunft jüdischer Kinder in London zeigt. Die Geschichte der Kindertransporte, die Flucht der jüdischen Kinder unter 18 Jahren nach England, hat mich sehr bewegt und viel in meinem Kopf ausgelöst. Die Kinder mussten damals aus Deutschland fliehen, alleine, um ohne ihre Eltern zu überleben. Es gibt Dinge, die man nicht vergleichen kann, doch ich bin auch geflohen. Deshalb hat mich die Geschichte der Kinder so berührt. So wie die Geschichte der Frau, die in der Blindenwerkstatt gearbeitet hat und heute noch lebt, Inge Deutschkron. Sie hat ihren Namen auf ihren Papieren geändert, damit sie bei einer Kontrolle nicht als Jüdin erkannt und verfolgt und ermordet wird.

Man kann nicht immer korrekt sein im Leben. Ich fühle mich eigentlich schlecht, wenn ich etwas falsch mache, gegen die Gesetze verstoße. Aber was soll man in so einer Situation von Unrecht und Verfolgung tun? Das hat mich ein bisschen an die Situation von Menschen auf der Flucht heute erinnert. Den Namen zu wechseln, das ist wie ein neues Leben zu beginnen. Das ist doch keine leichte Entscheidung.

In Deutschland leben viele geflüchtete Menschen und es gibt Probleme mit Rassismus. Das erlebe ich auch persönlich. Als Schwarzer werde ich zum Beispiel nicht in Clubs gelassen, und das wird mir ins Gesicht gesagt. Oder ich werde rassistisch beleidigt. Aber ich habe auch gemerkt: Wenn man Deutsch sprechen kann und sich mit der Geschichte auskennt, dann bekommt man leichter Respekt von anderen, und das hilft auch, diese Probleme zu lösen. Man kann sich dann besser zur Wehr setzen und diskutieren.

Jeder sollte das Recht haben, zu kommen, zu bleiben und zu gehen. Das ist mein Wunsch für die Politik. Niemand flieht ohne Grund. Manchmal scheinen diese Gründe für die anderen nicht wichtig genug zu sein, aber Mutter und Vater, die Familie hinter sich zu lassen, das ist nicht einfach. Niemand flieht ohne Grund. Jeder Mensch sollte das Recht haben, zu kommen, zu bleiben und zu gehen. Das wäre menschlich.

*Name geändert

Mehr Berichte hat ASF in der Broschüre "Biografische Betrachtungen von Geflüchteten auf die nationalsozialistische Geschichte" gesammelt.

 

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