Lilly Pohl over haar werk in het Verzetsmuseum Amsterdam

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Hallo,

mein Name ist Lilly Pohl, ich bin 19 Jahre alt und komme aus Ibbenbüren, einer kleinen Stadt in der Nähe von Osnabrück im Westen Deutschlands. Seit September bin ich mit Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in den Niederlanden und absolviere meinen Friedensdienst im Verzetsmuseum Amsterdam.

Das Thema dieses Gottesdienstes ist „Reichweite Frieden“, und in meinen Augen passt dieser Begriff sehr gut zum Verzetsmuseum.

Neben individuellen Besucher*innen, wie Tourist*innen und Familien, stellen Schulgruppen einen großen Teil der Besucher*innen vom Museum dar. Sowohl für jüngere, als auch ältere Grupppen hat das Museum viel zu bieten, z.B. das „Verzetsmuseum Junior“:  Im Juniormuseum werden die Geschichten von vier Kindern, den sogenannten „Hauptpersonen“ im Alter von 7-14 Jahren erzählt, welche wirklich während des zweiten Weltkrieges lebten. Diese könnten unterschiedlicher nicht sein: Eva ist ein jüdisches Mädchen, das mit ihrer Familie aus Österreich geflohen ist, untertauchen muss, und letztendlich Ausschwitz überlebt. Nelly, dessen Vater bei der NSB, der niederländischen Nazi-Party ist, ist selber im „Jeugdstorm“, einer nationalsozialistischen Jugendorganisation und findet es super dort. Sie wird nach dem Krieg deshalb gefangen genommen und versteht nicht, warum sie schuldig ist. Henk findet den Krieg spannend und versucht mit seiner Familie möglichst normal weiter zu leben, und macht auch den Hungerwinter 1944/45 mit. Jan‘s Vater, Fritz Slomp, war im Widerstand und half z.B. dabei, Verfolgte zu verstecken, auch bei Jan zuhause. Dadurch, dass alle Hauptpersonen ihre eigene Sicht schildern, entdecken die Kinder, wie vielschichtig die Geschichte ist. Nelly wird beispielsweise wie ein normales Mädchen dargestellt, die gerne Klavier spielt und Sport macht, und nicht wie jemand „Böses“. Während ihrem Aufenthalt im Museum müssen die Schüler*innen Fragen zu den verschiedenen Personen in kleinen Arbeitsbüchern beantworten. Das sind teilweise einfach fragen, die kontrollieren ob die Kinder die Geschichten verstanden haben (z.B. von wo Eva geflüchtet ist, welchen Berufs Jans Vater hat), manchmal aber auch Fragen, in denen Kinder ihre eigene Meinung zu schwierigen Entscheidungen begründen müssen. Wie würden sie sich fühlen, wenn sie an Eva‘s Stelle wären und einen Judenstern tragen müssten? Verstehen sie, dass Nelly der Meinung ist, dass sie nichts falsches getan hat?

Auch wird im Juniormuseum nichts verschwiegen. Besonders in Eva‘s Geschichte, als es um ihre Erfahrungen im Kamp Westerbork und später auch in Auschwitz geht, werden die Schüler*innen, und auch ich jedes mal aufs neue, mit der Schrecklichkeit des Holocausts konfrontiert. Wenn ein Kind von solchen schrecklichen Erfahrungen erzählt, geht es einem besonders nah. Und dadurch, dass Eva, wie auch die anderen Hauptpersonen im Museum, ungefähr im Alter der Schülergruppen sind, kriegen auch diese einen ganz neuen Bezug zu den Geschichten.

Es ist sehr beeindruckend zu sehen, wenn Kinder, welche zu Anfang des Besuches sehr aufgedreht waren und nicht viel Lust auf den Aufenthalt hatten, plötzlich total gespannt den Geschichten zuhören, fleißig alle Fragen beantworten, die Museumsdozent*innen noch mit weiteren Fragen löchern und nach Ende der Bearbeitungszeit das Museum gar nicht mehr verlassen wollen. Ich habe oft den Eindruck, dass der Besuch im Museum bei den Kindern wirklich im Gedächtnis bleibt, und sie wirklich viel davon mitnehmen. Zum Abschluss wird noch ein Film von den Hauptpersonen „heute“ gezeigt, als sie bereits älter sind. Sie blicken noch einmal auf die Vergangenheit zurück und betonen, wie wichtig Werte wie Meinungsfreiheit, Demokratie und Anti-Diskriminierung sind, damit sich die Geschehnisse nicht wiederholen können.

Das Juniormuseum gibt es mittlerweile auch „op wielen“, also „auf Rädern“. In einem Anhänger eines LKWs, dem sogenannten Trailer, werden die Geschichten der vier Hauptpersonen in komprimierter Form erzählt. Der Trailer kann von Schulen außerhalb von Amsterdam gebucht werden, und bietet so auch Schulen, für die ein Ausflug nach Amsterdam nicht möglich ist, eine Option, den Schüler*innen den Inhalt auf eine spannende Art zu vermitteln. Die sogenannte „Trailer-Saison“ hat noch nicht begonnen, aber ich freue mich sehr darauf und ich werde, wenn alles gut läuft, dort auch mitarbeiten. 

Auch gibt es das Juniormuseum mittlerweile virtuell, was auch während der ja immer noch anhaltenden Corona-Pandemie weitere Möglichkeiten bietet, und die „Reichweite“ des Museums noch steigert.

Doch nicht nur vom geografischen her wird die Reichweite des Museum erweitert: Das Juniormuseum, wie auch die temporäre Ausstellung sind für Blinde, Schlecht sehende und gehörlose Menschen zugänglich. Mit Hilfslinien auf dem Boden, die den Weg angeben, speziellen Audio-Touren und auch einer Tour in Gebärdensprache soll das Museum für beeinträchtige Menschen zugänglicher gemacht werden. Auch die feste Ausstellung, welche ab Mai 2022 erneuert wird, soll zugänglicher werden.

Ich bin sehr glücklich, dass ich meinen Freiwilligendienst im Verzetsmuseum Amsterdam absolvieren kann. Es gibt noch weitere Touren bzw. Aktivitäten für Besucher*innen im Museum, von denen ich jetzt leider nicht berichten kann. Ich finde es enorm wichtig, dass Themen, wie eben der Zweite Weltkrieg, der Holocaust, aber auch der Widerstand nicht in Vergessenheit geraten. Wir müssen uns ständig in Erinnerung rufen, dass all diese schrecklichen Dinge wirklich passiert sind, und es liegt in unser Verantwortung, dass es nicht wieder passiert. Ich denke, dass Bildung, und so auch die Bildungsprogramme von Museen, wie eben dem Verzetsmuseum, da eine große Rolle spielen können, und ich bin sehr stolz und dankbar, durch meinen Dienst einen kleinen Teil dazu beitragen zu können, und vielleicht, die Reichweite des Friedens ein kleines bisschen zu erweitern.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.