Die Welt mit Anna’s Augen sehen
Als ASF-Freiwillige in Norwegen

Die ASF-Freiwillige Franziska Sander berichtet über eine Freundschaft mit Startschwierigkeiten.

Als ASF-Freiwillige in dem integrativen Schulprojekt Lundheim Folkehøgskole lerne ich viele Menschen kennen. Ich lebe und arbeite mit vielen auf engem Raum und da Moi, der Ort in dem die Lundheim liegt, wenig zu bieten hat, verbringe ich auch einen guten Teil meiner Freizeit auf Lundheim.

Ein Mensch, der die Zeit meines Freiwilligendienstes sehr geprägt hat, ist Anna. Sie ist eine Schülerin von Lundheim und ich eine Betreuerin. Sie sitzt im Rollstuhl und braucht auch ansonsten viel Hilfe bei alltäglichen Dingen. Sie ist 20 Jahre alt, und damit einige Monate älter als ich. Wer Anna sieht, würde sie wohl als sehr hübsches Mädchen bezeichnen - zumindest tue ich das.

Zu Beginn des Schuljahres war Anna äußerst introvertiert und schüchtern, doch im Laufe der letzten Monate wurde sie sehr viel selbstständiger und selbstbewusster. Auch mein Verhältnis zu ihr hat sich in diesem Schuljahr geändert. Zu Beginn fand ich es schwierig, mit ihr zusammen zu arbeiten. Sollte ich ihr helfen, bekam ich oft kaum ein Wort aus ihr heraus. Sie wirkte auch oft unzufrieden und ich hatte das Gefühl, meine Hilfe sei unerwünscht bzw. ein notwendiges Übel. Diese Situation war für mich nicht gerade einfach, zumal mein Norwegisch zu Beginn des Schuljahres ja auch noch etwas lückenhaft war.

Auf einmal mochte sie mich

Doch von einem Tag auf den anderen war alles anders. Ich habe rückblickend keine Ahnung, wodurch diese Veränderung ausgelöst wurde. Jedenfalls hatte Anna sich plötzlich dazu entschlossen, mich zu mögen. Anna wurde aufgeschlossen und auch fröhlicher. Ganz besonders positiv reagierte sie auch mich, was konkret hieß, dass sie sich im

Unterricht und auch im Alltag am liebsten nur noch von mir helfen lassen wollte. Natürlich hat mich das am Anfang verwirrt und auch verunsichert. Auf der einen Seite war ich froh, dass Anna jetzt so viel fröhlicher und entspannter wirkte. Auf der anderen Seite hatte ich Angst, Anna könnte Erwartungen an mich entwickeln, die ich nicht erfüllen kann. Zum Glück aber haben sich meine Befürchtungen nicht bestätigt. In den zurückliegenden sechs Monaten war Anna sicher die Schülerin, mit der ich am meisten zu tun hatte. Dadurch haben wir unsere Routinen entwickelt, wir haben unsere Witze und Späße, die sonst keiner lustig findet und ich habe auch einiges über ihr Leben erfahren.

Als kleines Kind kam Anna aus einem südamerikanischen Land zu ihren Adoptiveltern nach Norwegen. Sie konnte als Kind laufen, sitzt aber etwa seit ihrem achten Lebensjahr

im Rollstuhl. Sie spielt gerne Schach und geht gerne Schwimmen, letzteres machen wir etwa einmal in der Woche gemeinsam. Gerade durch das regelmäßige gemeinsame Baden habe ich Anna noch einmal viel besser kennen gelernt. Wir haben viele Gemeinsamkeiten und einen ähnlichen Humor, trotzdem ist unsere Beziehung letztlich auch davon geprägt, dass ich auf Lundheim arbeite und sie Schülerin ist.

Bitterer Abschied

Das Schuljahr ist nun zu Ende und der Abschied von Anna ist mir schwer gefallen. Ich habe es als eine andere Art von Abschied empfunden, als ich es bisher erlebt habe. Annas

Behinderung macht es ihr nicht gerade leicht zu reisen. Das macht ein Wiedersehen unwahrscheinlicher und den Abschied bitter. Dennoch hoffe ich auf ein Wiedersehen mit Anna, wenn ich das nächste Mal nach Norwegen fahre. Sie hat mir gezeigt, wie sehr einen der erste Eindruck doch täuschen kann und vielleicht auch ein bisschen, die Welt mit anderen Augen zu sehen.

Autorin: Franziska Sander, Jahrgang 1990, ist Freiwillige in Norwegen und arbeitet in dem Lundheim Folkehøgskole in Moi seit August 2010 mit körperlich beeinträchtigten Jugendlichen.

Mit Improvisation und Gelassenheit
ASF-Freiwilligendienst in Norwegen

Freiwilligendienst & Friedensdienst in Norwegen: Schöne Landschaften sind nur eine Seite des ASF-Freiwilligendienstes in Norwegen

Freiwilligendienst & Friedensdienst in Norwegen: Schöne Landschaften sind nur eine Seite des ASF-Freiwilligendienstes in Norwegen

Manches braucht eben seine Zeit, nicht alles muss perfekt sein und es immer Zeit für eine Tasse Kaffee.

Ich mache einen Freiwilligendienst über 15 anstelle von 12 Monaten. Dafür habe ich viele erstaunte Blicke geerntet. 15 Monate, das klingt erstmal viel länger als „ein Jahr“. Und 15 Monate werfen mich aus dem Jahrestakt des perfekten Vorwärtskommens: Abi machen, ein Jahr ins Ausland gehen, studieren.

Aber: Es muss nicht alles perfekt sein...

Denn eines hat sich für mich in den acht Monaten, die ich schon hier an der Südwestküste Norwegens wohne, ganz deutlich geändert: Mein Umgang mit der Zeit. Dazu muss ich ausholen und etwas mehr über mein Projekt erzählen. Ich lebe und arbeite in der Lundheim Folkehøgskole in Moi, einer integrativen Folkehøgskole. Folkehøgskolen sind Schulen, die es so nur in Skandinavien gibt. Jugendliche und junge Erwachsene besuchen die Schule für ein oder zwei Jahre, meist nach dem regulären Schulabschluss. Auf der Jagd nach dem „perfekten Lebenslauf“ scheint hier niemand zu sein. Die meisten blicken recht gelassen auf ihre Zukunft. Die SchülerInnen besuchen Fächer, die sie selbst gewählt haben, Noten gibt es keine. Das Ziel ist vielmehr, sich für den weiteren Lebensweg zu orientieren, Erfahrungen zu sammeln, selbstständig zu werden – kurz: etwas über sich selbst und andere Menschen zu lernen. Eine Besonderheit auf Lundheim ist außerdem, dass etwa ein Drittel der Schüler ein körperliches Handicap haben, einige haben auch psychische Probleme. Insgesamt ist es eine Gruppe sehr unterschiedlicher Menschen. Vorher hätte ich es wahrscheinlich nicht für möglich gehalten, dass das Zusammenleben hier so gut klappt.

Freiwilligendienst & Friedensdienst in Norwegen: Gruppe von ASF-Freiwilligen in Norwegen

und ist trotzdem schön...

Das Leben auf Lundheim hat sein ganz eigenes Tempo. Wenn ich donnerstags Spätdienst habe, sitze ich mit den SchülerInnen zusammen und trinke Kaffee. Dadurch lerne ich viele von ihnen gut kennen. Oft ertappe ich mich jetzt dabei, wie mich jede und jeder einzelne durch Talente oder Interessen überrascht, die ich ihnen am Anfang des Schuljahres so gar nicht zugetraut hätte. Von meiner eigenen Oberflächlichkeit aber bin ich enttäuscht. Am Anfang meines Freiwilligendienstes hat mich die allgemeine Entspannung und Spontaneität hier regelrecht überfordert. Irgendwie war mein Alltag in Deutschland durchgeplanter, stressiger und „lauter“. Daher hatte ich am Anfang oft das Gefühl, total untätig zu sein. Heute weiß ich, dass vieles hier aber auch mit Improvisation und Gelassenheit klappt. Oft hatte bei Schulveranstaltungen zunächst scheinbar niemand einen genauen Ablaufplan. In der Theaterklasse arbeiten wir jetzt schon an der zweiten Vorstellung, nachdem die erste sehr gelungen ist – obwohl eine Woche vor der Aufführung so vieles noch nicht feststand.

„Lundheim, meine Liebe“

Sicher liegt das auch an den Entfernungen, die in Norwegen natürlich sehr groß sind. Stavanger, die nächste größere Stadt ist schließlich über 100 Kilometer von Moi entfernt. Lundheim hat für mich dadurch etwas von einer Insel. Das ist natürlich nicht nur positiv. Von vielen SchülerInnen habe ich schon gehört, dass sie Lundheim am liebsten nie wieder verlassen würden – für mich ein Zeichen dafür, wie schwierig sich das Leben „draußen“ für viele Menschen mit Handicaps immer noch gestaltet. Ich hoffe, dass ich mir die optimistische und entspannte Grundhaltung, die ich hier bekommen habe, bewahren kann. Die Erkenntnis, dass manches eben seine Zeit braucht, nicht alles perfekt sein muss und dass immer Zeit für eine Tasse Kaffee ist.

Franziska Sander (Jahrgang 1990) ist Freiwillige in Norwegen und arbeitet in dem Lundheim Folkehøgskole in Moi mit körperlich benachteiligten Jugendlichen.

Freiwilligendienst mit ASF

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Freiwilligendienst in Norwegen

Aktiv im Land der Mitternachtssonne. Mehr Informationen über den Freiwilligendienst in Norwegen gibt es hier.

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