Aktuelles | 08. Juli 2021

60 Jahre ASF in Großbritannien

Die ersten ASF-Freiwilligen in Coventry 1961

Vor 60 Jahren gingen die ersten Freiwilligen mit Aktion Sühnezeichen in das Vereinigte Königreich. 60 Jahre später blickt ASF auf eine lange, bewegte und bewegende Geschichte zurück und setzt die vielseitige Freiwilligenarbeit in Großbritannien erfolgreich fort.

Am. 4.7.2021 feierte Aktion Sühnezeichen das 60. Jubiläum der Arbeit im Vereinigten Königreich mit einem digitalen Festakt. Hierbei sagte der Very Reverend John Withcombe, Dean der Kathedrale: „Die Beziehung mit ASF ist ein enorm wichtiger Teil der Geschichte der Kathedrale von Coventry seit der Eröffnung dieses neuen Gebäudes… (ASF) hat uns geholfen, Beziehungen zu jungen Menschen wiederherzustellen, während wir die Beziehungen zwischen Deutschland und Großbritannien wieder aufbauten.“

Möglich wurde der Beginn der Arbeit von Aktion Sühnezeichen in Großbritannien durch eine Einladung des Very Reverend H.C.N. Williams an Lothar Kreyssig, Freiwillige nach Coventry zu entsenden. Daraufhin begann im Oktober 1961 eine Gruppe von 16 Freiwilligen aus Deutschland in den Ruinen der zerstörten Kathedrale ein internationales Begegnungs- und Besucherzentrum zu errichten.

Coventry war für den Auftakt der Arbeit in Großbritannien ein besonders symbolträchtiger Ort mit herausragender Bedeutung und Strahlkraft. Denn im November 1940 hatte die deutsche Luftwaffe die Stadt massiv bombardiert. Viele Menschen wurden getötet und große Teile der Stadt wurden zerstört, so auch die bekannte Kathedrale.

Die Bereitschaft, nur wenige Jahre nach dem Kriegsende Freiwillige aus Deutschland zu empfangen, sie aufzunehmen und gemeinsam mit ihnen an der Errichtung eines internationalen Begegnungs- und Besucherzentrums in den mahnenden Ruinen der durch deutsche Bomben zerstörten Kathedrale zu arbeiten, war von einer bemerkenswerten Offenheit und Großherzigkeit geprägt. ASF ist seinen Partner*innen im Vereinigten Königreich dafür bis heute dankbar.

In Coventry wurde der Samen für eine reichhaltige und vielseitige Geschichte von ASF in Großbritannien gesät. In den Jahren darauf wuchs das Programm und dehnte sich geographisch auf viele unterschiedliche Orte in England sowie auf Schottland und Nordirland aus. Auch hinsichtlich der Tätigkeitsfelder und Projektbereiche erweiterte sich das ASF-Programm: Hatten zunächst Bauprojekte besonders im Vordergrund gestanden, erweiterte sich das Spektrum um soziale und politische Projekte und umfasste zudem die Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigungen und Behinderungen.

Seit 2001 nehmen nicht nur Freiwillige aus Deutschland, sondern auch Freiwillige aus Polen an dem Programm teil. Im Rahmen des trilateralen Programms richtet ASF den Fokus in der Auseinandersetzung mit Gedenken, Erinnerungskultur, dem Holocaust und dem Fortwirken der Vergangenheit in der Gegenwart nicht allein auf Großbritannien, sondern reflektiert im interkulturellen und internationalen Austausch auch die unterschiedlichen Perspektiven in Deutschland und Polen. Auf diese Weise entsteht ein fruchtbarer Diskurs und Lernprozess, der von den Freiwilligen als große Bereicherung erlebt und beschrieben wird.

Die begleitende Seminararbeit und die Vielfalt der Projekte in Großbritannien ermöglichen den Freiwilligen eine tiefgehende Begegnung und intensive Auseinandersetzung mit der britischen Gesellschaft. Sie laden kontinuierlich ein zur Beschäftigung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit und deren Fortwirken in die Gegenwart. Sie sensibilisieren für Formen der Ausgrenzung im Hier und Jetzt und motivieren zum Engagement gegen Antisemitismus, Rechtsextremismus und Antiziganismus und zum Eintreten für Vielfalt, Demokratie und Menschenrechte.

Gegenwärtig sind zwölf Freiwillige in Großbritannien tätig und die Bandbreite der Projektpartner*innen ist groß. Neben Projekten in der historischen Bildung und politischen Begegnungs- und Versöhnungsarbeit engagieren sich ASF-Freiwillige für Obdachlose, unterstützen Geflüchtete sowie Roma und Sinti, assistieren und begleiten Menschen mit Lernbeeinträchtigungen und begegnen Holocaust-Überlebenden der ersten und zweiten Generation, die größtenteils auf dem Weg der Kindertransporte der deutschen Verfolgung und Vernichtung entkommen konnten.

Die Bereitschaft von Holocaust-Überlebenden, junge Menschen aus Deutschland kennenzulernen und zu sich nach Hause einzuladen, ist für uns ein großes Geschenk, das wir mit Freude, Dankbarkeit und Demut entgegennehmen. Die Begegnung mit Überlebenden der deutschen Vernichtungspolitik stellt für viele Freiwillige einen Höhepunkt während ihres Friedensdienstes dar. In der direkten Begegnung mit Zeitzeug*innen wird die Gegenwart der Vergangenheit erfahrbar und die individuellen Biografien und Lebensgeschichten ermöglichen einen besonderen, persönlichen und lebendigen Zugang zur Geschichte. Dies bedeutet keineswegs, Überlebende auf ihre Rolle als Zeitzeuge bzw. Zeitzeugin zu reduzieren. Im Gegenteil: Die konkrete Person rückt mit ihrer persönlichen Geschichte und all ihren Interessen, Eigenschaften und Facetten in den Vordergrund. Über die Dauer des Freiwilligendienstes entsteht Vertrauen und aus diesem Vertrauen erwächst oft eine echte Freundschaft zwischen Überlebenden und Freiwilligen.

ASF dankt allen Menschen, die den Freiwilligendienst in Großbritannien ermöglicht haben und weiterhin ermöglichen. Die unzähligen freundschaftlichen Beziehungen, die in den vergangenen sechs Jahrzehnten im Rahmen des Engagements von ASF in Großbritannien entstanden sind, erfüllen uns mit großer Freude sowie Hoffnung und Zuversicht für die Zukunft. 

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