Zwischen Mitläufertum und Bekennender Kirche: Die Vorgeschichte der ASF-Gründung

Die engere Vorgeschichte von ASF beginnt mit dem Versagen der protestantischen Kirche in Deutschland während der NS-Zeit einerseits und mit dem Widerstand gegen das NS-Regime aus eben dieser Kirche andererseits. So gehörten zwei der wichtigsten Gründer von ASF, Lothar Kreyssig und Franz von Hammerstein, zu dem eher seltenen entschiedenen Widerstand kirchlicher Kreise. Diese beiden im Einklang mit einigen anderen Aufrechten wie beispielsweise Martin Niemöller und Gustav Heinemann waren es dann, die in der Nachkriegszeit das Versagen der Evangelischen Kirche thematisierten und auf Buße und Umkehr drängten. Diese Gruppe deckte schließlich auch die weitere Vorgeschichte dieses Versagens auf, nämlich den jahrhundertelang praktizierten Antijudaismus und Antisemitismus der Kirchen.

Es ist hier nicht der Ort, diese Vorgeschichte intensiver zu beleuchten. Festzuhalten ist, dass in der Nachkriegszeit Kirche und Gesellschaft in Deutschland wenig Bereitschaft zeigten, wirklich verstehen zu wollen, was sie getan hatten und welche Richtung die Umkehr nehmen sollte. Das Stuttgarter Schuldbekenntnis vom Oktober 1945 erwähnt weder den Völkermord an den Juden, Sinti und Roma noch die systematische Ermordung weiter Bevölkerungsteile in Mittel- und Osteuropa. Die Stimmen der wenigen, die wie beispielsweise Adolf Freudenberg darauf hinwiesen, verhallten ungehört.

Selbst die Bruderräte können sich in ihrem Darmstädter Wort zur Judenfrage (1948) nicht von dem Bild lösen, dass die Juden an ihrer Verfolgung und Ermordung wegen der Ablehnung Jesu Christi in gewisser Weise selbst schuld seien. Auschwitz sei den Christen eine Warnung und den Juden eine Mahnung, dass man Gott nicht spotten dürfe; das Spotten manifestiere sich in eben jener Ablehnung Jesu Christi. Diese wohl nur gotteslästerlich zu nennende theologische Aufladung der Schoa wurde zum Glück in keiner weiteren kirchlichen Stellungnahme wiederholt. Gleichwohl waren Kirche und Gesellschaft in der Nachkriegszeit bis weit in die sechziger, ja vielleicht sogar bis in die siebziger Jahre kaum darauf bedacht, ihre Rolle in der NS-Zeit realistisch einzuschätzen. Noch weniger waren sie dazu bereit, auf die Überlebenden zuzugehen und sie um Verzeihung zu bitten oder sich auch nur dafür zu interessieren, wie ihr Leben nach Folter, brutalem Verlust ihrer Angehörigen, Demütigung durch die ehemaligen Nachbarn und nach dem Entronnen-Sein verlief. Der Traum eines Überlebenden, den Michael Bodemann in seinem Buch Gedächtnistheater beschreibt, erzählt von der Sehnsucht der Überlebenden, genau diese Bitte um Verzeihung, dieses Interesse zu erfahren. Doch dieses Interesse, wie auch Hannah Arendt in "Besuch in Deutschland" beschrieb, blieb aus; von Empathie war nichts zu spüren.

In diese Situation hinein spricht Lothar Kreyssig; sein Aufruf beim Kirchentag in Leipzig des Jahres 1954 fand jedoch kaum Gehör.

Vom 26.-30. April 1958 tagte schließlich die Synode der Evangelischen Kirche Deutschlands in Berlin-Spandau. Obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits die Teilung in zwei deutsche Staaten vollendet war, trafen sich auch bei dieser Synode die Vertreter der evangelischen Landeskirchen aus der Bundesrepublik und der DDR zur gemeinsamen Beratung. Am letzten Tag dieser evangelischen Synode verlas Präses Lothar Kreyssig im Plenum den Aufruf zur Gründung der Aktion Sühnezeichen.

Indem er die Deutschen zum Vergeben und zur Bitte um Vergebung aufrief, wollte er "der Selbstrechtfertigung, der Bitterkeit und dem Hass eine Kraft entgegensetzen..." Von unbußfertiger Selbstrechtfertigung und großem Hass war dann auch in vielen Zuschriften zu lesen, die bei ASF eingingen: "An die übertölpelten Mitglieder der Aktion ‚Sühnezeichen': Die Pastoren Hammerstein und Konsorten haben mit der Aktion Sühnezeichen ihren Verrat an der Geschichte des deutschen Volkes und dem Deutschen Volk dokumentiert. Wenn Sie zwanzig Jahre älter geworden sind und wenn die deutsche Geschichte und Politik nicht mehr von Landesverrätern interpretiert wird, werden Sie dem Autor dieser Zeilen Recht geben." [Anonyme Zuschrift, abgedruckt in: Anskar Skriver, Brücken über Blut und Asche, 1962.]

Kreyssig hatte mit seinem Aufruf wie schon beschrieben in eine unbußfertige Zeit gesprochen mit Worten, die nicht nur ein Schuldbekenntnis darstellten, sondern auch konkrete Konsequenzen forderten. Diese Ableitung funktionierte jedoch nicht in der Weise, dass ASF Hilfe anbot, sondern darum bat, helfen zu dürfen. Diese demütige Haltung, die auch in der Kirchengeschichte ihresgleichen sucht, war eine Absage an jedes paternalistische Funktionalisieren des Sühnegedankens. Sie signalisierte die Bereitschaft, sich einzulassen, zu lernen also im Tun und im Dialog - denn die Bitte setzt auf Gespräch, auf Antwort und auf neues Tun. Es ist dies eine Bewegung weg vom Eigenen und hin zu dem Anderen, ein Auszug aus dem Selbst im Tun und auf der Suche nach Wahrheit. Das war vielen Zeitgenossen zu viel des Anderen und zu wenig selbstbezogen. Sie spürten die theopolitische Sprengkraft in dieser Konstruktion, die sich dem Aufsammeln und Zusammenhalten dessen widmete, was einst gewesen und nur von eigenem - aus ihrer Sicht im Wesentlichen aber fremdem - Versagen ge- und zerstört worden war.

Teilung

Am Ende dieses Aufrufes zur Aktion Sühnezeichen heißt es: "Der Dienst soll Deutsche aus der Bundesrepublik und der Deutschen Demokratischen Republik vereinen. Wir bitten die Regierungen der Deutschen Demokratischen Republik und der Bundesrepublik, die Aktion zu gestatten und zu fördern." Aktion Sühnezeichen wurde als gesamtdeutsche Organisation gegründet; die Spaltung Deutschlands machte jedoch eine gemeinsame Arbeit unmöglich. So entwickelten sich in den beiden deutschen Staaten zwei Organisationen mit einem gemeinsamen Ziel, aber unterschiedlichen Schwerpunkten in der praktischen Arbeit.

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