Bestimmt, breit gefächert und im besten Sinne unfertig: Eindrücke vom Jubiläum

Am Wochenende vom 25.-27. Mai 2018 fand das 60-jährige Jubiläum von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Berlin statt. Wir haben an die letzten 60 Jahre, aber vor allem auch an die Zukunft gedacht, wir haben zusammen gegessen und gefeiert, gelacht und diskutiert. Den krönenden Abschluss der Jubiläumsfeierlichkeiten bildete der Gottesdienst und ein Festakt mit Besuch des Bundespräsidenten am Sonntag. von Kornelius Friz und Johanna Blender

Mehr als ein Dutzend Überlebende des Nationalsozialismus sind Ende Mai nach Berlin gekommen, um mit den ehemaligen Freiwilligen, Mitarbeiter*innen und allen Interessierten das sechzigjährige Bestehen von Aktion Sühnezeichen zu feiern.

Der Vorstandsvorsitzende Dr. Stephan Reimers begrüßt die Gäste in der Parochialkirche vorfreudig auf die bevorstehenden Begegnungen und voller Tatendrang: Den von Deutschen im Nationalsozialismus Verfolgten nahe zu sein, sei eine Lebensaufgabe. Dies trifft nicht nur auf den unermüdlichen Lothar Kreyssig zu, der 1958 am Rande der Synode zur Aktion aufgerufen hatte und an diesem Wochenende unermüdlich zitiert wird. Belegt wird Stephan Reimers‘ These auch von den vielen Ehemaligen aller Generationen, die sich versammelt haben, egal, ob sie in den sechziger Jahren nach Finnland ausgereist oder vor zehn Jahren in Israel waren. Die Verbundenheit der Freiwilligen mit »ihrem« Verein Aktion Sühnezeichen Friedensdienste ist offenbar groß genug, um auch nach mehreren Jahrzehnten an der Arbeit von ASF interessiert zu sein: am Erinnern ebenso wie am  gegenwärtigen Engagement des Vereins.

Es bleibt noch viel zu tun

Der Austausch beim Ehemaligentreffen ist in zufälligen Gesprächsgruppen organisiert, wo die verschiedenen Perspektiven auf ASF aufeinandertreffen. So kommt es, dass einstige Vorstandsmitglieder sich mit Engagierten einer Regionalgruppe unterhalten und mit einem Pfarrer, dem für sein Engagement für Aussöhnung mit den Ländern der ehemaligen Sowjetunion das Bundesverdienstkreuz verliehen wurde. Ebenso vielfältig wie die Biografien der ehemaligen Freiwilligen sind ihre Wünsche an und für Aktion Sühnezeichen. Dass ASF gegenwärtig bleibt bei der Themensetzung und bissig in seiner Arbeit, wünscht sich eine Belgien-Freiwillige von 2010. Dass wieder eine breitere Zielgruppe für Freiwilligendienste und Sommerlager erreicht werde, also auch kirchenferne oder gesellschaftlich benachteiligte Menschen, formuliert jemand, der die friedensbewegten Achtziger mit Aktion Sühnezeichen erlebt hat.

Die Berliner Parochialkirche der evangelischen Gemeinde St.Petri-St.Marien in Berlin Mitte ist ein idealer Ort für das Jubiläum von ASF. Der karg belassene Innenraum, insbesondere die offenen ziegelroten Wände vermitteln den Eindruck eines unfertigen Gebäudes. Und nicht erst die Wünsche der Ehemaligen, die unter dem gigantischen Eisenkreuz des Kunstschmids Fritz Kühn gesammelt werden, zeigen, dass auch Aktion Sühnezeichen im besten Sinne unfertig ist. Seit dem letzten runden Jubiläum 2008 sind neue Herausforderungen hinzugekommen, mit dem Aufstieg der AfD und dem gleichzeitigen Anstieg des israelbezogenen Antisemitismus nennt Stephan Reimers nur zwei Phänomene, die die Arbeit von ASF unabdingbar machen, auch und gerade 73 Jahre seit Ende des NS-Regimes.

Berichte von gestohlener Kindheit

Als weiterer Grund für die Notwendigkeit von Friedensdiensten wird immer wieder genannt, dass naturgemäß immer weniger Zeitzeug*innen zur Verfügung stehen, um aus erster Hand an die Schandtaten der Nationalsozialisten zu erinnern. Doch zum Jubiläum haben sich gleich achtzehn Überlebende aufgemacht, um zu berichten. Eine von ihnen ist die Feministin Evelyn Askolovitch, die als Evelyne Sulzbach in Amsterdam geboren ist. Im Februar 1944, mit sechs Jahren, wurde Askolovitch, deren Familie aus Deutschland stammt, nach Bergen-Belsen gebracht, wo sie im Januar 1945 dank eines Gefangenenaustauschs in Richtung Schweiz ausreisen durfte: »Im Konzentrationslager waren wir Kinder keine Kinder. Aber am ersten Morgen in der Schweiz, in Freiheit, haben wir angefangen, wieder miteinander zu spielen«, erinnert sich die Achtzigjährige: »Und dann musste ich wie ein Kleinkind alles wieder neu erlernen, selbst das Treppensteigen. Denn in den Lagern gab es keine Stufen.«

Gemeinsam mit dem gleichaltrigen Alain Hirschler, dem Sohn einer Rabbiner-Dynastie, gestaltet sie ein bewegendes Gespräch in französischer Sprache. Hirschler, der die Besatzung in einer Pension in der Auvergne überlebte, die jüdische Kinder versteckte, hat sogar ein Buch über seinen Vater René Hirschler geschrieben, der 1945 getötet wurde: »Grand Rabbin Résistant«.

Die Nationalsozialisten haben Askolovitch und Hirschler die Normalität genommen, ihre Familien, ihre Wurzeln. Auch darum ist beiden nach wie vor wichtig, jungen Menschen – gerade in Deutschland – von ihren gestohlenen Kindheiten zu erzählen. Evelyn Askolovitch lebt in Frankreich, versteht aber nach wie vor Deutsch, ihre Muttersprache: »Ich bin oft in Deutschland, aber eines wird nach Bergen-Belsen nicht mehr passieren: Dass ich deutsche Sprache nochmal in den Mund nehme.«

Ebenfalls zu Gast ist Margarita Petrowka, die als Kind die Leningrader Blockade überlebte, und die über unseren Projektpartner in Russland, Memorial, sagt: »Memorial bietet für mich einen Ort, an dem ich mit Menschen ins Gespräch kommen und über meine Lebensgeschichte sprechen kann. Das ist nicht selbstverständlich.«

Opfer schützen, Ressourcen schonen

Zur anschließenden Mittagstunde entsteht ein Kreis von mehreren hundert Jubiläumsgästen entlang der Kirchenwände der Parochialkirche. Doch anders als beim Ehemaligentreffen zum Auftakt des ASF-Wochenendes geht es nicht um den Erstkontakt der Gäste mit der Gastgeberin ASF ؘ– links der Pforte die Freiwilligen von 1958 bis hin zu den Zwanzigjährigen rechts der Pforte, die erst kürzlich von ihrem Friedensdienst zurückgekehrt sind. Diesmal ist die Schlange bunt gemischt und das duftende Mittagsbüffet das verbindende Ziel aller Gäste.

Am Samstag stand der thematische Input im Vordergrund: In einem Workshop des Arbeitsbereichs Geschichte(n) in der Migrationsgesellschaft von ASF berichten geflüchtete Menschen von ihrer Sicht auf die deutsche Vergangenheit und heutige Gesellschaft. In Podien befassen sich Expert*innen mit Themen wie der antisemitischen BDS-Kampagne, dem jüdisch-christlichen Dialog und ASF sowie dem Buch »Rückkehr nach Lemberg« von Philippe Sands.

Spuren deutscher Kolonialgeschichte in Berlin-Mitte

Mnyaka Sururu Mboro, Vorstandsmitglied und Mitbegründer von Berlin Postkolonial e.V., nimmt außerdem eine Gruppe von Teilnehmenden mit auf eine Führung durch die Spuren kolonialer Geschichte in Berlin. Zur Gründung des Vereins, der es sich zum Ziel gesetzt hat, die deutsche Kolonialzeit aufzuarbeiten und die deutsche Öffentlichkeit über postkoloniale Strukturen in der Gesellschaft aufzuklären, sagt Mboro einleitend: »Wir haben festgestellt, dass viele Menschen in Deutschland wenig über den deutschen Kolonialismus wissen. Wir haben Berlin Postkolonial gegründet, um das zu ändern.« In Berlin gebe es noch viele Spuren des deutschen Kolonialismus, von denen viele nicht würdig aufarbeitet seien, so Mboro. So zum Beispiel besuchen wir auf unserer Führung Straßen, die durch rassistische Benennungen oder die Glorifizierung kolonialer Unterdrücker (so die »M*straße«, die aufgrund ihrer diskriminierenden Bezeichnung nicht mehr ausgesprochen wird, die Petersallee und der Nachtigalplatz) den deutschen Kolonialismus in der heutigen Gesellschaft normalisieren. »Wir sprechen uns dafür aus, dass diese Straßen umbenannt werden - zum Beispiel nach schwarzen Befreiungskämpfer*innen«, erklärt Mboro. Dabei solle jedoch der alte Straßenname und eine Erklärung zur alten Namensgebung erhalten bleiben, um Bewusstsein für die kolonialrassistische Vergangenheit der Stadt zu schaffen. Weitere Spuren kolonialer Vergangenheit sind in den Berliner Museen zu finden, die noch heute ethnologische Stücke ausstellen und sich laut Mboro nicht hinzureichend mit der Aufgabe beschäftigten, den genauen Herkunftsort der Gegenstände zu ermitteln und an die rechtmäßigen Eigentümer*innen zurückzugeben. Dazu gehören auch menschliche Gebeine, die zu Kolonialzeiten für rassistisch-wissenschaftliche Forschung nach Deutschland importiert wurden. Darüber hinaus kämpfen die Nachkommen der Überlebenden des von der deutschen Kolonialmacht verübten Genozid an den Herero und Nama in der Kolonie Deutsch-Südwestafrika (1904-1908), der 2016 erstmals von der deutschen Regierung als »Völkermord« bezeichnet wurde, bis heute um offizielle Entschädigungen.  Weitere Informationen zu Berlin Postkolonial e.V. finden Sie hier.

Der Workshop zu Handlungsmöglichkeiten gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit wird mit sechzig statt fünfzehn Personen kurzerhand zu einem Monolog. Die Referentin Susanne Feustel ist Kriminologin und Politikwissenschaftlerin und gibt für das Kulturbüro Sachsen Seminare zu Demokratiepädagogik mit Schwerpunkten auf Neonazismus und politische Jugendarbeit. Gleich zu Beginn macht sie klar, dass nicht alle ihre Ansprechpartner sind: »Mit Menschen die ich nicht erreichen kann, muss ich nicht reden«, dazu gehörten neben Reichsbürgern auch Identitäre, Pegida und AfD-Funktionär*innen: »Meine Ressourcen richte ich im Sinne des Opferschutzes lieber an Betroffene.«

Sechzig Jahre ASF – demütig, aber bestimmt

Dass diese Haltung bei sechzig engagierten Zuhörer*innen nicht unwidersprochen bleibt, ist verständlich für das Selbstbild von Aktion Sühnezeichen als einer Organisation, die den internen Diskurs mit mehreren, auch scheinbar entgegengesetzten Positionen aushält und pflegt. Die Hinweise von Susanne Feustel, mit spitzem Humor und sympathischem Pragmatismus referiert, sind dennoch konsistent, gerade in ihrer Differenziertheit und Bestimmtheit. Einfache Lösungen oder Allzweckantworten kann auch Feustel nicht liefern. Vielmehr werden an konkreten Beispielen aus Arbeits- und Familienkontexten Strategien diskutiert, um einen konstruktiven Umgang mit Mitmenschen zu finden, die Antisemitismus, Homofeindlichkeit oder Fremdenhass propagieren. Wichtig sei etwa, Diskussionen im öffentlichen Raum zu vermeiden, wenn man diese zu verlieren drohe: »Ein eigenes Wertesystem ist in der Debatte wichtiger als Fakten«, können jene notieren, die sich dennoch auf Streitgespräche einlassen wollen, um ihr Gegenüber zu überzeugen. Ein Zugeständnis an eine Welt, in der für jede Meinung Statistiken gefunden werden können und der Begriff Wahrheit in der Krise steckt.

In der abschließenden Diskussion findet sich doch noch Konsens unter den Workshop-Teilnehmenden: Müsse der AfD und anderen antidemokratischen Organisationen jedes Mal Beachtung geschenkt werden, wenn sie auf die Straße gehen? Oder verlieren sie an Resonanz und Relevanz, sobald sich niemand querstellt? Nach einigen Wortbeiträgen meldet sich eine ältere Frau aus den hinteren Reihen: »Ich würde auch zur Gegendemo gehen, wenn ich die Einzige wäre!«

Zum Glück ist auf der Demo am darauffolgenden Sonntag niemand alleine: Zahllose Gäste machen sich vom ASF-Festakt direkt auf, um die vermeintliche Machtdemonstration der AfD »wegzubassen«. Der Protest gegen Fremdenfeindlichkeit und Geschichtsvergessenheit der Rechtspopulist*innen am 27. Mai 2018 ist bestimmt, bunt und breit gefächert. Eigenschaften, die die Arbeit von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste über die letzten sechs Jahrzehnten in beiden Deutschlands und seinen Partnerländern geprägt haben. Auf die nächsten sechzig Jahre voller Sühnezeichen!

Impressionen vom Jubiläums-Wochenende

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Reden auf dem Festakt am 27. Mai

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier

Hier können Sie die Rede des Bundespräsidenten auf dem Festakt am 27.5.2018 nachlesen.

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Dr. Josef Schuster

Hier können Sie das Grußwort des Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Dr. Josef Schuster, am 27.5.2018 nachlesen.

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