Predigt zur Trauerfeier für Franz von Hammerstein

Predigt zur Trauerfeier von Franz von Hammerstein am 27. August 2011 in der Jesus Christus Kirche in Dahlem zu Phil 3,12

Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin.

Liebe Verena, liebe Hildur Zorn, liebe Söhne Adrian, Stephan und Kaspar, liebe Enkelin Lenia, liebe Schwiegertöchter Nicola und Simone, liebe Familienmitglieder und liebe Schweizer Verwandten, liebe Freundinnen und Freunde, liebe Gemeinde, oder eben anders: liebe leibliche und geistige Familie von Franz von Hammerstein,

zu dem Konfirmationsspruch von Franz aus dem Philipperbrief, den du liebe Verena mit deinen Kindern als Thema der Predigt heute ausgesucht hast, sagtest du spontan: „Das passt doch fabelhaft, denn Franz ist immer seinen Zielen hinterher gejagt und Fehler hatte er auch.“ Dazu noch die Konfirmation hier in dieser Kirche durch Martin Niemöller am 6. Juni 1937, dem 16. Geburtstag von Franz. 3 Wochen später wurde Martin Niemöller verhaftet. Das war die Erfahrung, die Franz von Hammerstein in seinem erwachsenen Leben getrieben hat, die sein Ziel definiert hat, dem er von seinen Geschwistern angeregt nachjagte. Das katastrophale abgründige Ausmaß der Verbrechen ahnte er zum Zeitpunkt seiner Konfirmation noch nicht, ja vielleicht nicht einmal während seiner Einzelhaft in Berlin oder in Buchenwald.

Paulus schreibt seinen Brief an seine erste Gemeinde in Europa, Philippi, aus dem Gefängnis, vermutlich in Rom. Der römische Militärstiefel lastete schwer nicht nur auf Judäa, sondern auf der ganzen Paulus bekannten Welt. Philippi, ein Rom in Kleinformat, war eine vom Militär gezeichnete Stadt. Prätorianer, die Garde des Kaisers, wie auch normale Soldaten waren hier zu Hause. Auf dem Marktplatz eine Doppelstatue der Staatsgötterkaiser Julius und Augustus. Hier wurde Paulus als Jude gefangen genommen und entkam durch ein Wunder dem Gefängnis.

Gerade weil wir heute einen jüdisch-christlichen Gottesdienst feiern, soll nicht verschwiegen werden, wie Paulus mit seiner Herkunft ringt und sie etwas unflätig von sich weist. Diese zornige Aufwallung gegen seine Vergangenheit als Feind der Anfänge der Christengemeinde ist sehr impulsiv. “Was mir – vor der Berufung durch Jesus - Gewinn war, erachte ich nun als Kot.“ Im Brief an die römische Gemeinde stellt er dagegen unaufgebbar fest, dass die Juden bleibend erwählt sind.

Paulus jagt dem Verstehen der eigenen Existenz als Christusgläubiger Jude nach. Er ringt mit der Tatsache konkurrierenden Glaubens der im Kontext der Synagogen entstehenden Christengemeinden.

Ergriffen ist er von dem Verständnis der Auferweckung Jesu als Angeld des Reiches Gottes. Er ist ergriffen von dem Glauben, dass die Wiederkunft des Messias unmittelbar bevorsteht. Damit versteht er, dass die Heiden zum Zion kommen müssen, um die Knie zu beugen nicht vor den Götterstatuen, sondern vor dem Herrn Jesus zur Ehre des Vaters, des Gottes Israels.

Franz von Hammerstein hat ebenfalls gerungen, zuerst mit der Frage Wirtschaft oder Theologiestudium, für ihn der Unterschied zwischen Technik und Geist. Auf die Theologie fiel die Wahl als Instrument zu verstehen, „was es mit den Juden auf sich hat“. So erzählte er in den letzten Jahren auf unseren gemeinsamen Einführungen in die Geschichte von ASF. Woher kommt diese Gewalt, woher die Fremdheit, woher die Ablehnung, die Ausgrenzung, der Mord gerade in unserer Kirchengeschichte? Er wollte wissen, was eigentlich Rassismus sei, nicht wissenschaftlich, sondern in den Herzen der Menschen. Wie kann es sein, dass die christlichen Gemeinden der USA in den 50 Jahren, als ihr, liebe Verena, du und Franz dort wart, ihre Türen vor ihren schwarzen Geschwistern verschlossen? Dies zu ergreifen, zu begreifen, dem jagte er nach. Wenn wir Heidenchristen denn versöhnt sind mit Gott und daraus Versöhnung unter Menschen Wirklichkeit werden soll, dann wird sie doch in den Kirchen beginnen müssen?

Was hindert uns, wie kann es gehen? Diese Fragen begleiten ihn sein ganzes Leben in der Ökumene, bei der Industriejugend, Sühnezeichen, der ev. Akademie, dem Martin Niemöller Haus. „Doch schuldig bin ich, anders als ihr denkt, ich musste früher meine Pflicht erkennen, ich musste schärfer Unheil Unheil nennen, mein Urteil hab ich viel zu lang gelenkt.“ Diese Verse von Albrecht Haushofer der 1945 von den Nazis hingerichtet wurde, leiteten Harald Poelchau und mich zu Sühnezeichen.“ So sagt Franz 1994, er, der kaum Chance hatte, Schuld in dem beschriebenen Sinne auf sich zu laden. Aber er wusste, wir stehen für mehr ein als einfach nur für uns selbst.

Das aber macht nicht depressiv, wie wir bei Franz von Hammerstein lernen können. Hatte er doch durchaus so etwas wie paulinische Freiheit. Alles ist erlaubt, aber nicht alles ist heilsam. Manche nannten es aristokratische Souveränität, gleichsam ererbt von seinen erstaunlich unkonventionellen adligen Eltern.

Sein Jagen hatte etwas Getriebenes einerseits, aber auch etwas unerhört Entspanntes, als wollte er sagen: Ich weiß das Gelingen hängt nicht von mir ab, aber doch kann ich von meinem bescheidenen Teil nicht lassen. Gerade dadurch entstanden nachhaltige Richtungsentscheidungen und Initiativen für die Aussöhnung mit der Sowjetunion, für christlich jüdisches Gespräch, lebendiges Erinnern und das Thematisieren von Taten und Tätern.

Freiheit und Souveränität brauchte er dringlich, weil der Vorwurf der Nestbeschmutzung, des Verrats zu Beginn dieser Arbeit noch sehr üblich war. Freiheit, weil er trotz der Ergriffenheit Einsprüche ertragen konnte und trotzdem hartnäckig sein Ziel verfolgte. Und da war noch eine ganz andere Freiheit, die wohl mit der beschriebenen zusammenhängt: Seinen Söhnen brachte er bei, dass Zäune dazu da sind, überklettert zu werden. Im Originalton hört sich das in seinen pädagogischen Überlegungen so an: „Ob aus Latten oder Draht, ob elektrisch oder mit Stacheln versehen, ob hoch oder niedrig – so ein Zaun ist und bleibt ein handfestes Symbol für das Establishment. Ihn zu überklettern, oder notfalls zu unterkriechen, gerät also zu pädagogischen Selbstzweck. Wenn dahinter auch noch Äpfel oder Kirschen, oder vielleicht auch ein schöner Sandstrand zu erwarten sind – umso besser.“

Bei jedem Wetter gerade bei schlechtem zog Franz zu Naturunternehmungen aus, oder rief abends als er nach Hause kam: Wer macht mit mir Dummheiten?“ Lust am Leben, ohne hin und her zu überlegen, ob das zu schwierig sei oder den falschen nützen könnte, wer zustimmen oder toben würde.

Ergriffen sein von der Freiheit in Christus.

Natürlich und das ist doch das Wunderbare an dem Paulus Text, liegt hier das Bewusstsein eigener Unvollkommenheit nahe. Wie großspurig müsste sonst solche Freiheit daher kommen, wenn sie nicht um ihre Fehlbarkeit wüsste? Und natürlich gibt es unterschiedliche Perspektiven auf solche Freiheit. In der Familie mag es für dich, Verena, manches Mal ausgesprochen anstrengend und nervenaufreibend gewesen sein, was für die Söhne ein Fest war.

Auch konnte Franz sich von Empfindungen anderer abschirmen und so die Stärke, unabhängig vom gesellschaftlichen Klima Entscheidungen zu treffen, in eine verletzende Verschlossenheit und etwas eruptive Handlungsformen münden lassen.

Verletzt war er selbst, schon durch seine Blindheit auf dem einen Auge, was ihm sicher das Gefühl gab für eigene Unvollkommenheit, der Stachel im Fleisch.

Katholisch getauft, uniert konfirmiert und calvinistisch geliebt und begleitet, hatte er allen Grund zur Dankbarkeit, dafür dass Gott ihm dich, Verena, zur Seite stellte und ihr so viele gemeinsame Themen hattet. Ja, er war angewiesen auf deine sozialen Netzwerkerinnenfähigkeiten und deine Lust an Gemeinschaft und lebendiger Diskussion. Dankbarkeit sah ich in seinen Augen, als ihm die Sprache am Ende seines längeren Abschiedes von dieser Welt verloren ging, gegenüber den Enkelinnen Hanna, Marie und Lenia, die sich rührend um ihn kümmerten. Dankbarkeit für den Sohn Stephan, der die letzten vielen Monate mehrmals in der Woche vorbeischaute und nach dem Rechten sah. Dankbarkeit für alle sieben Enkelinnen und Enkel, die Schwiegertöchter, seine jüngste Schwester.

Alt und lebenssatt schaute er das himmlische Jerusalem, wenn er auf diese Begonien, die auf seiner Terrasse standen, blickte.

Ergriffen von der Liebe zu Gottes Geschöpfen, zur ganzen bewohnten Welt, zur Ökumene sah er sich als Katholik, Protestant und Jude. So warf er sich dem Leben in die Arme (Marie Luise Kaschnitz) und liegt nun im Talar von Coventry, einer Kippa aus seiner Synagogengemeinde Hüttenweg, einer Medaille „Reconciliation“ auf der Brust und auf einem zufällig von einer Muslima, Frau Achmed, im Ramadan erstellten Kissen aus Schweizer Stickerein.

So ist er nun, wie ihr immer zu Tisch gebetet habt, nach diesem erfüllten Leben Gast im Himmel.

Amen

 

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