Wir trauern um Dietrich Erdmann

Dietrich Erdmann, ein warmherziger Mensch und wacher, unermuedlicher Geist, verstarb am 26. Mai 2013.

Wir trauern um Dietrich Erdmann, der Aktion Sühnezeichen ein treuer Freund, langjähriges Mitglied des Leitungskreises und hoch geschätzter Gesprächspartner war. Er hat nicht nur über 30 Sommerlager in 47 Jahren gestärkt, geleitet oder initiiert, sondern war ein inspirierendes Vorbild für die Sommerlager-Leiter_innen und Teilnehmer_innen seiner und der nachfolgenden Generationen.

Über das Sommerlager im tschechischen Bezdruzice schrieb er: "Nach einer Woche ungewohnter und anstrengender Arbeit, bei der sich niemand geschont hat, nach informativen Gesprächen an langen Abenden, nach den vielen Eindrücken in dieser Zeit traten wir müde den Heimweg an."

Seine kurze, schwere Krankheit und der Tod kamen überraschend: Mit Elan und großem organisatorischen Geschick bereitete Dietrich einen weiteren Arbeitseinsatz im tschechischen Nove Sedliste vor, der sich der Pflege und Instandsetzung des lokalen jüdischen Friedhofs widmete. Die Sommerlager für ältere Freiwillige lagen Dietrich besonders am Herzen: Nach dem Abschied aus der zahnärztlichen Praxis im Jahr 2002 reiste er jährlich, oft im Frühjahr und im Herbst, nach Chodova Plana, Hroznetin, Bezdruzice und Straz, um gemeinsam mit den Sommerlagergruppen die  jüdischen Friedhöfe wieder sichtbar und als Orte der Erinnerung wahrnehmbar zu machen. „Seine Leidenschaft für die Bewahrung der jüdischen Schicksale und Geschichte war immer wieder der Antrieb für Diskussionen und Informationen nach der praktischen Arbeit.“, beschreibt Ulrich Kressin, langjähriger Teilnehmer der Sommerlager und ehemaliges ASF-Vorstandsmitglied, das gemeinsame Wirken. „Seine menschliche Zugewandtheit, sein Humor waren entscheidend für das Klima in der Gruppe. (…) Die Menschen vor Ort waren oft verblüfft, wie unter seiner Leitung auf den zugewachsenen, manchmal demolierten Friedhöfen, die Gruppen unter zum Teil schwierigen Bedingungen anpackten, aufräumten, wiederherstellten“. Diesem rastlosen Engagement der Älteren ist es zu verdanken, dass die zunächst als „Senioren-Sommerlager“ gestarteten, heute „Ü-40“ abgekürzten, Sommerlager fest im Programm von Aktion Sühnezeichen verwurzelt sind.

Bekanntschaft mit Aktion Sühnezeichen machte Dietrich Erdmann über den Kirchentag 1961, der im Westsektor des noch nicht geteilten Berlins stattfand. Im Jahr 1966 nahm er erstmalig an einem Sommerlager teil und wurde von Lothar Kreyssig in den Leitungskreis berufen. Über diese Zeit schreibt er: „Hier erlebte ich die Verwirklichung dessen, was mir als demokratischer Umgang miteinander, als Streitkultur vor Augen stand. Insofern wurde natürlich auch Opposition gelebt, weil Demokratie im öffentlichen Raum nicht stattfand. Vor allem aber waren es die thematischen Inhalte, der Blick auf die Geschichte und die internationale Dimension der Arbeit, die mich ansprachen. Meine Vorstellungen wurden bei weitem übertroffen. So wächst man in eine Haltung, eine Gesinnung hinein, die ein Leben lang bleibt. Die braucht eine Lebensäußerung; das waren u. a. die Sommerlager von ASZ [Aktion Sühnezeichen in der DDR].“

Besonders in Erinnerung bleiben wird uns Dietrichs große Offenheit, seine Neugierde auf das Leben, den Austausch und das Lernen: Er war Gast, Erzählender und Referent bei vielen ASF-Veranstaltungen, aber auch ein wunderbarer und wertschätzender Zuhörer. Mit den jüngeren, nachfolgenden Generationen der Sommerlager-Leiter_innen - er war der älteste „Teamer“ - fühlte er sich als Kollege verbunden, interessierte sich für ihre Themen und Arbeitserfolge, tauschte sich über verschiedene Arbeitsmethoden aus, beispielsweise zum Aufrichten und Fixieren von zentnerschweren Grabsteinen, gab Tipps für Literatur und Materialrecherchen wie er auch selbst immer erfolgreich auf der Suche nach neuen Publikationen zur Aufarbeitung der NS-Diktatur war – und kritische Distanz wahrte: „In den letzten 10 Jahren fällt auf, dass eine umfangreiche Opferliteratur entstanden ist. Es erscheinen Bücher mit Berichten der Flüchtlinge, der Kriegskinder, der Bombenopfer. Deutsche beschreiben ihre Schicksale. Es ist psychologisch sicher leicht zu erklären, dass Erlebnisse jener schrecklichen Jahre lange verdrängt wurden und erst heute hinterfragt und ausgesprochen werden. Das ist auch wichtig. Ich will dieses Leid nicht kleinreden oder totschweigen. Es hat ja manches Leben zerstört. Es sollte jedoch in jeder dieser Veröffentlichungen in den historischen Kontext gestellt werden. Ein richtungweisendes Vorwort könnte dies leisten, auch Berichte von deutschen Vertriebenen neben dem Schicksal z. B. der russischen Bevölkerung, deren Dörfer abgebrannt wurden, und dies veröffentlicht im selben Band.“, schrieb er im ASF-Tagungsband aus Anlass des 50. Jubiläums der Sommerlager (2012).

Dietrich hinterlässt eine Ehefrau, vier erwachsene Kinder, 11 Enkelkinder und zwei Urenkel. Ihnen und seinen Freunden sprechen wir unsere tief empfundene Anteilnahme aus. Als „leibliche und geistige Familie von Dietrich Erdmann“ bezeichnete Christian Staffa die über einhundert Trauergäste, die am 31. Mai 2013 in Berlin-Altglienicke von ihm Abschied nahmen. „Dietrich war getragen von der Kraft des Bildes eines neuen Jerusalem, einer Veränderung des Alten, des Todes der Ungerechtigkeit, des Unfriedens – zum Leben, hin zu Begegnung.“, beschrieb die Predigt das Motiv für den von Dietrich eingeschlagenen Wegs der Verständigung mit den Nachbarn in Polen, Tschechien, Litauen, Ungarn… Als „fast unbändig“ bezeichnete Christian Staffa Dietrichs Drang, „die Trümmer der Geschichte aufzurichten, zu verweilen und zu verstehen und immer wieder das Tun.“

Für die vielen Jahre, die wir mit Dietrich dieses Tun erleben durften und in denen er uns inspiriert, mit uns gelacht, diskutiert und Gemeinschaft geformt hat, sind wir sehr dankbar. Er wird uns schmerzhaft fehlen.

Christine Bischatka, Koordinatorin des internationalen ASF-Sommerlagerprogramms.

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