Wir trauern um Doğan Akhanlı

© ASF/Archiv

Unser langjähriger Projektpartner und Freund Doğan Akhanlı ist gestorben. Wir trauern um einen ganz besonderen Menschen, von dem wir viel gelernt haben. Doğan Akhanlı hat mit ASF über viele Jahre hinweg Bildungsprogramme und Veranstaltungen organisiert, die konflikthafte Geschichten und Gewaltverbrechen thematisierten. Er war ein beharrlicher und mutiger Schriftsteller, Pädagoge und Streiter für die Aufarbeitung historischer Verbrechen, insbesondere des Völkermords an den Armeniern. Er war politischer Flüchtling, der Gewalt, Unrecht und Verfolgung erlebt hat. Wir werden seine Feinfühligkeit, sein Engagement, seine Worte und seine Klugheit vermissen. Wir trauern um einen wunderbaren Menschen. Lesen Sie seinen Essay „Gewalt und Berührungen“ in der ASF-Publikation „Geschichten aus Deutschland“ ab Seite 35.

 

 

Doğan Akhanlı, 18. März 1957 – 31. Oktober 2021

Nach kurzer, schwerer Krankheit verstarb am Sonntag, 31. Oktober 2021, unser Freund und Weggefährte Doğan Akhanlı. Wir verlieren einen sanften und versöhnlichen Menschen, der klug und reflektiert, gutmütig und poetisch, beharrlich und mutig seine Inhalte vertrat.

Doğan war als linker Student in der Türkei in den 70er und 80er Jahren ins Visier der Staatsmacht geraten. Er wurde mehrfach verhaftet. In Anwesenheit seines Kindes wurden seine Frau und er gefoltert, so erzählte er uns, und ich dachte: Wie schafft er es, das so ruhig zu erzählen? Es liegt in Deinem Lebensweg doch gar nicht nahe, dass Du so sanftmütig bist.

In der Türkei drohte Anfang der 90er Jahre seine erneute Verhaftung. Man warf ihm ein Tötungsdelikt vor. Die türkische Justiz sollte später selbst feststellen, dass die Beweislage dafür hanebüchen war. Zur Flucht und ins Exil gezwungen, fanden er und seine Familie in Köln Unterstützung, Solidarität, Freundinnen und Freunde. Und obwohl er schilderte, wie er in der Asylunterkunft 1991 mit anderen Geflüchteten Nachtwachen organisieren musste, um die beständigen Übergriffe abzuwehren, beobachtete er in Deutschland etwas, was ihn (mehrfach) dazu veranlasste, festzustellen: Für Geflüchtete wäre Deutschland ein sicheres Land, ja das sicherste Land der Welt.

Sie setzten sich in diesem Land auf besondere Weise mit ihrer Vergangenheit auseinander, nahm er wahr. „Vergangenheitsbewältigung“, „Aufarbeitung der Vergangenheit“ – dafür hätte er gar keine Entsprechungen im Türkischen. Ich lernte Doğan 2004 im Haus der Wannsee-Konferenz kennen, als er an einer meiner Führungen teilnahm. Er war in Köln inzwischen ein Kollege von mir, er machte Führungen und Veranstaltungen im EL-DE-Haus, dem NS-Dokumentationszentrum Köln. Ich erinnere mich, wie er mir den deutschen und den türkischen Wannsee-Flyer vergleichend zeigte, dieses Wort in der Übersetzung lobte und jenes kritisierte. Er bot an, den Flyer zu lektorieren.

Später kam er mit griechischen und kurdischen Teilnehmer*innen der historisch-interkulturellen Begegnungen, die er mit ASF schon seit 2004 organisierte, in die Wannsee-Villa. Sie übersetzten den Wannsee-Flyer ins Griechische und ins Kurdische. Er selbst übersetzte den Gründungsaufruf von ASF ins Türkische. Lachend klagte er als Übersetzer und inhaltlicher Berater bei einem studentischen Projekt, das ASF mit dem Touro College Berlin machte, dass der einführende Text zu Erinnerungsdiskursen eigentlich gar nicht ins Türkische zu übertragen sei (www.flucht-exil-verfolgung.de), weil es den Diskurs so eben nicht gäbe und daher auch noch keine Worte dafür.

Es ist naheliegend, dass ein Schriftsteller sich durch die Sprachen seiner Heimaten, Deutsch und Türkisch, einem Thema nähert. Dass Doğan sich aber ausgerechnet dem Thema der Verbrechen des Nationalsozialismus so intensiv widmete, erstaunte mich. Wenn er doch selbst im Gefängnis gefoltert worden war, warum machte er dann Führungen im ehemaligen Kölner Gestapo-Knast, warum setzte er sich ausgerechnet diesen Räumen aus? Sein zivilgesellschaftliches Engagement hätte sich doch in alle möglichen anderen Felder ergießen können?

Dafür hatte er viele Gründe. Zum einen, so sagte er, konnten er und andere Verfolgte, die er dazu einlud, vor dem Hintergrund der NS-Gewalt ihre eigene Gewalterfahrung reflektieren. Sie besetzten die Gestapo-Zellen mit ihren Stimmen, nahmen sie in Beschlag; so, wie in einer Gedenkstätte die historische Gewalt des Ortes „aufgehoben“ ist, war die eigene Gewalterfahrung hier ebenfalls „aufgehoben“. Zum anderen: Doğan sah in der Auseinandersetzung mit gewaltbelasteter Vergangenheit einen Schlüssel dafür, dass eine starke und verantwortliche Zivilgesellschaft entstehen kann. Denn bei der Auseinandersetzung kommt man um die Frage der Verantwortung nicht herum.

Beispielhaft sah Doğan das bei der Auseinandersetzung in Deutschland mit den Verbrechen der Shoah. Bei anderen NS-Verbrechenskomplexen war er skeptischer. Aber die Erinnerungskultur in Deutschland hatte in seinen Augen eine verantwortliche Zivilgesellschaft mit entstehen lassen, die ihn davon überzeugte, hier in sicherer Gesellschaft zu sein. Dabei war ihm bewusst, dass die Auseinandersetzung mit den NS-Verbrechen in Deutschland stets schmerzhaft verlief und verläuft: dass die ASF-Gründer*innen 1958 als Verräter*innen verunglimpft wurden; dass der jüdische Auschwitz-Überlebende Joseph Wulf, der mit seiner Forderung nach einem NS-Dokumentationszentrum in der Wannsee-Villa in den 60er, 70er Jahren scheiterte, sich verzweifelt das Leben nahm.

„Die NSU-Morde“, so schreibt er 2017, „sind eine bittere Warnung, nicht zu vergessen, dass Erinnerungskultur nicht statisch ist, sondern ein Prozess, in dessen Verlauf jede Generation ihre Art, ihre Mittel der Geschichtsaufarbeitung immer wieder überdenken und weiterentwickeln muss.“

Den NSU-Terror und das Hintertreiben und Versagen von Verfolgung und Aufklärung seitens staatlicher Behörden verfolgte er sehr kritisch, auch, dass andere „Vernichtungspropheten“ auf den Plan traten. Eine starke Zivilgesellschaft könne damit umgehen, so sagte er kraftvoll optimistisch bei der Verleihung der Goethe-Medaille, die ihm 2019 auch für sein erinnerungspolitisches Engagement verliehen wurde: „Die Politik kann das Erinnern vielleicht nicht zur Pflicht machen, der sich jeder zu unterwerfen hat, aber sie muss die Erinnerung gegen die neuen Vernichtungspropheten täglich verteidigen. Den Rest schaffen wir als zivile Gesellschaft allein.“

Dass er den ASF-Gründungsaufruf ins Türkische übersetzte, blieb keineswegs auf der philologischen Ebene verhaftet: Er wollte Freiwilligendienste der türkisch-sunnitischen Mehrheitsgesellschaft, aus der er kam, für Armenier*innen. Als erster Redner mit türkisch-sunnitischem Hintergrund sprach er am Jahrestag des Gedenkens an den armenischen Völkermord am 24. April 2011 in der Frankfurter Paulskirche. „Wir brauchen einen Erinnerungsaufstand“, so rief er wiederholt in den Saal.

Eine türkische oder türkischstämmige Mehrheit würde ihm (vorerst) darin nicht folgen. Aber in einem kleineren Rahmen folgten ihm immer wieder Leute in Deutschland aus der türkischen, kurdischen, armenischen, griechischen, russischen, jüdischen, alevitischen, assyrischen Community, um an seinen historisch-interkulturellen Projekten mitzuwirken. ASF hatte das Privileg, zwischen 2004 und 2011 bei historisch-interkulturellen Begegnungen in Berlin mit Doğan und seinem Netzwerk aus Gruppen aus Köln, Hamburg und Frankfurt zusammenzuarbeiten.

Doğan war 2010 zum ersten Mal wieder in die Türkei gereist, um seinen kranken Vater zu besuchen. Er wurde direkt am Flughafen inhaftiert. Sein Vater starb während seiner viermonatigen Haft, ohne dass die beiden sich wiedersehen durften. An der Stelle, so schrieb Doğan noch in seiner Haft, wäre er an seine „Akzeptanzgrenze“ gestoßen. Gegen dieses unfassbare Unrecht, dass ihm kontinuierlich zugefügt wurde, schienen mir die Solidaritätsaktionen, die ASF in Berlin mit organisieren konnte, so unzureichend. Ich war erstaunt, ihn auf Veranstaltungen direkt nach seiner Rückkehr wieder so lebendig zu sehen: Mir schien es, als wäre nun noch mehr sanfte Energie in ihm.

Als Doğan 2017 in Spanien auf einen internationalen türkischen Haftbefehl hin zwei Monate von spanischen Behörden festgesetzt wurde, nutzte er die Zeit, sein einziges Sachbuch zu verfassen: „Verhaftung in Granada“. Er fasst darin noch einmal zusammen was ihm sein erinnerungspolitisches Engagement bedeutete, für sich selbst, für die deutsche und türkische Gesellschaft, ja global: „Den Holocaust in Verbindung mit dem Völkermord an den Armeniern zu betrachten, bedeutete keine Relativierung der Shoah, sondern eine Erweiterung und Vertiefung der deutschen Aufarbeitung, die aber nicht nur deutsch bleiben sollte. Denn die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts, des Jahrhunderts der Völkermorde, sollte Teil der Holocaust Education sein, und die Beschäftigung damit sollte aus dem nationalen Rahmen in einen transnationalen übertragen werden.“

Als wir im Sommer zuletzt telefonierten, berührten wir auch kurz das Thema, wie „deutsch“ die Gedenkstätten in Deutschland geblieben wären, in den über zwei Jahrzehnten, in denen sich Doğan nun an und mit ihnen engagierte. Wir sprachen (wieder) die Frage an, wie viele muslimische Mitarbeiter*innen wohl am Tisch säßen, wenn in Gedenkstätten über Antisemitismus in islamischen Communities diskutiert würde. Er sei in Bezug auf die Gedenkstätten enttäuscht, sagte er mir.

Ganz aktuell tragen wir eine erinnerungspolitische Debatte aus, wie dieser von Doğan postulierte transnationale Rahmen wohl aussehen könnte, wer welchen „multidirektionalen“ Weg der Erinnerung beschreiten oder lieber nicht beschreiten würde. Wie gern hätte ich auch Doğans Stimme dazu weiter gehört und mit ihm, dem Mitstreiter, gestritten.

Seine Stimme, sein Lächeln, sie werden uns fehlen. Das Netz, dass er um uns gesponnen hat, die Vielfalt, die er zusammenführte, das werden wir weiter pflegen, es wird fortbestehen.

Eike Stegen ist Historiker und Referent für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit an der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz. 2007 bis 2011 und 2015 bis 2017 war er Mitarbeiter im Berliner ASF-Büro, zuletzt als Referent für die Freiwilligenarbeit.

 

 

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