Wir trauern um Gerhard Dümchen

Gerhard Dümchen ist am 30.09.2017 im Alter von 82 Jahren verstorben. Beginnend mit seinem Freiwilligendienst 1960 in Norwegen war er Aktion Sühnezeichen Friedensdienste und unseren Themen zeitlebens tief verbunden.

"Ich erinnere mich an Menschen, die bei uns im Ort während des Krieges Zwangsarbeit leisten mussten. Bis heute schäme ich mich dafür, dass ich nichts für sie getan habe." Das war eines der Dinge, die ich von Gerhard Dümchen bei unserer ersten Begegnung zu hören bekam. Ich erinnerte ihn daran, dass er damals ein kleiner Junge war. Wer hätte von ihm erwartet, die Bedeutung des Geschehens ringsum zu verstehen. Gerhard ließ sich davon nicht überzeugen. Das war kurz vor meiner Hochzeit. Gerhard Dümchen war der Pfarrer, der uns getraut hat. Ich hatte damals nicht daran geglaubt, dass eine jüdisch-christliche Zeremonie möglich sei. Aber Gerhard erklärte sich dazu bereit. Mit langen Gespräche begleitete er uns und gab uns die Sicherheit, dass für Gott das wichtigste unsere Liebe sei und nicht unsere Konfession. Damals sagte ich zu meinem Partner: „Genau so stelle ich mir einen Pfarrer oder einen Rabbiner vor. Als jemanden, der die Menschen begleitet, schaut, dass sie gut miteinander zurecht kommen, der etwas möglich macht."

Im Jahr danach haben wir bei uns Seder und Pessach gefeiert, Gerhard war mit dabei. Damals schon 72 Jahren alt, saß er mit uns auf dem Boden. Gemeinsam lasen wir die Hagada und unterhielten uns. Als nach dem Essen die Birkat Hamason (der Segen auf das Essen) gesprochen wurde, kam auch der Satz „Schfoch Chamatch Al HaGoim“ (Zeig unseren Goim deinen Zorn). Wie immer wurde das Pessachfest bei uns jüdisch-christlich-muslimisch gefeiert. Sofort entspann sich eine Diskussion, wie man diesen Satz heute noch lesen könne. Ein Streit drohte auszubrechen. Schließlich verwies Gerhard auf den historischen Kontext der Entstehung des Textes und verknüpfte den genannten Zorn mit dem Wunsch nach Sicherheit.

Gerhard Dümchen starb an Yom Kippur, gekleidet mit Talar und Kippa. So wurde er auch beerdigt. Ein Mensch, der die Unterschiede und Streitpunkte überbrücken wollte und konnte. So bleibt er mir in Erinnerung. Ein Mensch, ein Freund.

 

Guy Band, Landesbeauftragter von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste Israel