Wir trauern um Israel Loewenstein

Am 16. Februar 2018 ist Israel Loewenstein nach längerer Krankheit gestorben. Er lebte bis zuletzt in seinem Häuschen im Kibbuz Yad Hanna und war vielen Menschen in Deutschland und Israel ein enger Freund. Wir trauern um einen wundervollen Menschen.

Israel Loewenstein bei der ASF-Jubiläumsfeier 2011 in Jerusalem. Foto: Hartmut Greyer
Israel Loewenstein bei der ASF-Jubiläumsfeier 2011 in Jerusalem. Foto: Hartmut Greyer

Israel Loewenstein wurde 1925 als Jürgen Rolf Sochaczewer geboren und schloss sich in seiner Jugend der zionistischen Jugendbewegung Hachschara an. Er überlebte verschiedene Arbeitslager und das Vernichtungslager Auschwitz, mehrere "Todesmärsche" und die Befreiung im KZ Gusen im April 1945. Seine Eltern wurden in Auschwitz ermordet. 1949 wanderte er nach Israel aus und gründete mit anderen Überlebenden 1951 den Kibbuz Yad Hanna. Seit Mitte der 70er Jahre standen Israel und seine Frau Hanna in engem Kontakt mit ASF in Jerusalem und Berlin.

Ich traf ihn zum ersten Mal beim 50-jährigen Jubiläum von ASF im Mai 2008. Mit seiner Tochter Naava nahm er an dem ASF-Projekt LeDor Dor- von Generation zu Generation - teil: Überlebende aus Israel besuchten mit ihren Kindern oder Enkelkindern ihre Heimatorte und führten Zeitzeugengespräche. Israel und Naava trafen eine Gruppe von Stadtteilmüttern in Neukölln, muslimische Frauen mit türkischen Wurzeln, die als Familienberaterinnen tätig waren. Israel berührte die Frauen durch seine direkte Berliner Art und sein offenes Erzählen. Er sprach von seiner Zeit in Armut im Scheunenviertel, von verleumderischen Nachbarn, die er später bei einem Deutschlandbesuch noch einmal aufsuchte, von Verlusten, aber auch von Unterstützung durch Deutsche und von einem großem Zusammenhalt unter den Häftlingen, die seit der Hachschara gemeinsam in verschiedenen Lagern waren.

Eindrücklich berichtete auch Naava, wie es war, Tochter von zwei Auschwitzüberlebenden zu sein. Die Eltern versuchten ihre drei Töchter zu verschonen und erzählten zu Hause wenig von ihrer Geschichte im Vernichtungslager. Erst als Israel begann, in israelischen Schulen von seiner Verfolgungs- und Familiengeschichte zu erzählen, erfuhren auch die Töchter Details und die Dimensionen.

In allen Gesprächen, die ich mit Israel führen konnte, erzählte er von Paderborn, wo er von 1941 bis 1943 im Arbeitslager „Am Grünen Weg“ war. Bei einer Einladung der Stadt Paderborn lernte er 1988 die Familie Krane kennen, diese Begegnung und seitdem währende Freundschaft war für ihn von großer Bedeutung. Bernhard und Heribert Krane waren selber Freiwillige in Israel und waren bzw. sind als Hauptamtliche für ASF tätig. Israel war sehr treu, er rief immer pünktlich zu den Geburtstagen an, auch zu denen der Kinder.

Im November besuchten wir ihn in seinem Haus in Yad Hanna. Johannes Gockeler, der damalige Landesbeauftragte in Israel, erinnert sich an den Besuch: „Es war einfach beeindruckend, an diesem staubigen Ort abseits der großen Städte, tritt man in so ein bescheidenes flaches Kibbuzgebäude ein und eine ganze Welt von Bildern und Erinnerungen eröffnet sich.“

Israel erzählte und erzählte. Mit großer Eindrücklichkeit und Bescheidenheit. Er klagte nicht, obwohl er hätte klagen können. Über seine Verluste, über die politischen Konflikte, über die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Kibbuz Yad Hanna. Er erzählte von seinen Erinnerungen, von den Begegnungen zwischen seinem Kibbuz und Bewohnern der benachbarten palästinensischen Stadt Tulkarem, er erzählte von den vielen Menschen, denen er begegnete, die ihn interviewten, zu denen er den Kontakt gehalten hatte.

Israel Loewenstein begegnete uns allen mit großer Freundlichkeit und Aufmerksamkeit. Wir verlieren einen wundervollen Menschen. Wir werden ihn sehr vermissen.

Jutta Weduwen, Geschäftsführerin Aktion Sühnezeichen Friedensdienste

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