Wir trauern um Paul Niedermann

1. November 1927 – 7. Dezember 2018

Paul Niedermann im Gespräch mit einem Freiwilligen, 2011. Foto: Ines Grau
Paul Niedermann im Gespräch mit einem Freiwilligen, 2011. Foto: Ines Grau

Wenn Paul Niedermann aus seinem Leben erzählte, hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Bilder aus seinen authentischen Erzählungen sind mir – und es mag vielen ähnlich gehen – bis heute im Gedächtnis hängen geblieben: die tagelange katastrophale Deportation von Karlsruhe in die Pyrenäen, der immerwährende Schlamm im Internierungslager Gurs, das improvisierte Französischlernen mit Hilfe von Comics bei Miron und Sabine Zlatin (die später das illegale Kinderheim Maison d'Izieu gründeten) oder die bohrenden Fragen des Generalstaatsanwalts Pierre Truche im Prozess gegen Klaus Barbie. 

Paul Niedermann wurde 1927 in Karlsruhe geboren. Mit seinen Eltern, seinem jüngeren Bruder und seinen Großvater war er einer von 6500 Jüd*innen aus Baden, der Pfalz und dem Saarland, die im Oktober 1940 in das südwestfranzösische Internierungslager Gurs deportiert wurden (wo der Großvater verstarb) und später ins Lager Rivesaltes. Mit seinem Bruder konnte er von der jüdischen im Untergrund tätigen Organisation OSE (Oeuvre de secours aux enfants) aus Rivesaltes befreit und versteckt werden. Nach einer Odyssee durch zahllose Unterschlüpfe im südlichen Frankreich, u.a. in der Maison d'Izieu, gelang ihm Ende 1943 die Flucht in die Schweiz. Sein Bruder konnte bei einer Verwandten in Baltimore (USA) in Sicherheit gebracht werden. Beide Eltern wurden in Auschwitz bzw. Majdanek ermordet.

Paul Niedermann blieb nach dem Krieg in Frankreich und lebte mit seiner Frau und seinen Stiefkindern im Pariser Raum. Er arbeitete u.a. als Journalist, Fotograf und Übersetzer. Seinen Bruder konnte er erst viele Jahre nach Kriegsende dank einer Dienstreise in den USA wiedersehen.

Jahrzehntelang sprach er nicht über seine Verfolgungsgeschichte. Als 1987 der Prozess gegen den ehemaligen Lyoner Gestapo-Chef Klaus Barbie stattfand, stellte dies einen Wendepunkt in Paul Niedermanns Leben dar. Serge Klarsfeld hatte ihn -vermittelt über OSE- als zeitweiligen Bewohner des Kinderheims von Izieu ausfindig gemacht und als Zeugen für den Prozess gewinnen können. Zum ersten Mal sprach Paul Niedermann in diesem Rahmen öffentlich über Deportation und Flucht. Generalstaatsanwalt Pierre Truche sei sein Therapeut gewesen, sagte er immer. Kurz darauf hätten die seit vier Jahrzehnten andauernden nächtlichen Albträume zum ersten Mal ein Ende gehabt.

1988 folgte Paul Niedermann einer offiziellen Einladung der Stadt Karlsruhe an alle jüdischen Karlsruher*innen, die die Shoah überlebt hatten. Dort erzählte er erstmals Schüler*innen seine Geschichte. Und daran schloßen sich unzählige Zeitzeugengespräche in Schulen und bei Gedenkfeiern in Deutschland, Frankreich und den USA an. Als 1994 die Gedenkstätte und das Museum Maison d'Izieu eröffnet wurden, wurde Paul Niedermann auch dort zu einem gern gesehenen und regelmäßigen Gast. In Izieu engagieren sich seit 1999 ASF-Freiwillige. Die Begegnungen mit Paul Niedermann wie auch anderen Überlebenden prägten ihren Friedensdienst nachhaltig.

Als ich 2009 die Tätigkeit als Frankreich-Beauftragte der Aktion Sühnezeichen in Paris begann, übernahm ich von meiner Vorgängerin Nicola Schieweck den Kontakt zu Paul Niedermann. In der Vorstadt Bry-sur-Marne lebend, kam er seitdem mindestens einmal jährlich zu in der Hauptstadt stattfindenden ASF-Seminaren und wurde nicht müde, uns seine Geschichte zu erzählen. Dabei spielte es keine Rolle, welches Alter sein Gegenüber hatte. Paul gelang es dank seiner sympathischen, offenen und humorvollen Art schnell einen Kontakt herzustellen. Oft gingen wir im Anschluss daran gemeinsam Mittag essen und das lebhafte Gespräch mit ihm und seinen Zuhörer*innen setzte sich im Restaurant fort. Auf Briefe antwortete Paul Niedermann eigentlich immer mit einem Anruf im Büro. Und dann plauderte er gern von seinem Alltag, von anstehenden Reisen oder Veröffentlichungen. So hatte er dem Karlsruher Stadtarchiv Briefe aus dem Familienbesitz anvertraut, die die Grundlage bildeten für die zweisprachige Veröffentlichung: Briefe-Gurs-Lettres: Briefe einer badisch-jüdischen Familie aus französischen Internierungslagern (2011). Im Januar 2015 traf Paul zum letzten Mal eine ASF-Freiwilligengruppe im Foyer le Pont. Die Attentate, die Paris in diesem Jahr gleich zweimal trafen, hatten retraumatisierende Wirkung auf ihn. Auch verschlechterte sich sein Zustand – er litt seit Jahren an schwerer Diabetes – zusehends.

Generationen von ASF-Frankreich-Freiwilligen und zahllosen Schul-, Jugend- und Erwachsenengruppen links- und rechts des Rheins hatte Paul Niedermann auf authentische Art und Weise sein von der NS-Verfolgungsgeschichte gezeichnetes Leben erzählt und zum Nachdenken über die Shoah angeregt. Als ich 2016 zum ersten Mal am Karlsruher Hauptbahnhof ausstieg, um in die Innenstadt zu gehen, hallten in mir Pauls Worte nach, die die große Karlsruher Bahnhofshalle im Oktober 1940 beschreiben, damals als die Deportation begann – erst da wurde mir klar, wie stark seine Geschichte sich in mein Gedächtnis eingebrannt hatte.

Ines Grau war 1998-99 ASF-Freiwillige bei Sostradanije in Moskau. In Paris leitete sie die ASF-Frankreicharbeit von 2009-2016 und ist derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Karlsruher Institut für Technologie sowie freiberuflich in der historisch-politischen internationalen Bildungsarbeit tätig.

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