Wir trauern um Pfarrer Rudolf Dohrmann

Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
2. Kor. 5,19-20

Ein außerordentlich pralles Leben ist zu Ende. Im niedersächsischen Bücken aufgewachsen und seit 1937 als Halbwaise in der Schule, kam er während des Zweiten Weltkriegs auf die Napola in Neuzelle in Brandenburg. Gedacht waren diese Internatsoberschulen zur Heranbildung einer Elite nationalsozialistischen Führernachwuchses. Es sollte aber nach dem Krieg ganz anders werden. Abitur, Theologiestudium in Neuendettelsau und Zürich ( Karl Barth!) und die Begegnung mit Horst Symanowski (Goßner Mission) prägten ihn so nachhaltig, dass gelebter Glaube und politisches Engagement in seinem ganzen Leben untrennbar wurden.

Etwa 1960 nahm er zusammen mit Ulrich Engelkes die Arbeit im VW-Werk in Wolfsburg auf: Aufbau einer glaubwürdigen Industriediakonie. Dort organisierte er in Zusammenarbeit mit der IG Metall 1965 zum ersten Mal ein Arbeitslager in Auschwitz. Rund vierzig Mitarbeiter aus dem VW-Werk fuhren nach Polen und arbeiteten in Auschwitz und Birkenau. Es folgten weitere Fahrten und 1967 eine erste Gruppe von Aktion Sühnezeichen aus der Bundesrepublik Deutschland.

1968 schrieb Rudolf Dohrmann ein kleines Buch mit dem Titel: »Versöhnung hat politische Gestalt« (Evang. Zeitstimmen Nr. 39). Das war sein Programm: Das Wort von der Versöhnung in die Realität dieser Welt zu holen, zu leben, anzustoßen, wahr werden zu lassen.

Es folgten diverse dieser Arbeitslager in der Zusammenarbeit mit Aktion Sühnezeichen. Vielfach war der (vorgeschriebene) Begleiter von polnischer Seite Jerzy (Jurek) Hronowski, ehemaliger zweifacher Auschwitzhäftling, der sich die Versöhnung mit den Deutschen ebenfalls auf die Fahnen geschrieben hatte.

Höhepunkt dieser Versöhnungsarbeit war der Kongress Friede mit Polen im Februar 1971 in Frankfurt. Wenige Wochen nach der Unterzeichnung des Warschauer Vertrags am 7. Dezember 1970) kamen in der Paulskirche und in der Frankfurter Universität Vertreter deutscher Organisationen mit einer polnischen Delegation zusammen, um durchzubuchstabieren, was denn Versöhnung im politischen Kontext bedeuten kann. Spiritus rector für diesen großen Kongress war Rudolf Dohrmann.

Danach stieg Rudolf Dohrmann in die Dorfentwicklungsarbeit in Indien ein. Ich höre ihn noch zu mir sagen: »Ost-West läuft. Jetzt geht es um Nord-Süd.« Jahre später, er war inzwischen Gemeindepfarrer in Frankfurt, kam doch noch mal Ost-West dran: 1988 organisierte er die politische Pilgerfahrt nach Minsk – Chatyn, wo rund 150 Menschen kleine Zeichen der Versöhnung lebten.

Rudolf Dohrmann starb am 24. März dieses Jahres in Nagpur, Indien. Am 25. August 2018 gab es eine Gedenkveranstaltung in der Frankfurter Dreifaltigkeitskirche, wo er 19 Jahre als Pfarrer wirkte. Die Kirche war voll – das sagt alles.

Ulrich Wegner, geb. 1943, Pfarrer i.R. in der Evang. Kirche Hessen und Nassau. Zuletzt in der Versöhnungsgemeinde Frankfurt/Main.

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