Wir trauern um Volkmar Deile

Wir trauern um Volkmar Deile

Volkmar Deile ist am 2. April 2020 im Alter von 77 Jahren an den Folgen seiner Krebserkrankung gestorben. Wir trauern um einen wichtigen Wegbegleiter, der die Arbeit von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste seit den siebziger Jahren leitend gestaltet und geprägt hat.

Volkmar Deile war von 1975 bis 1984 Geschäftsführer von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste. Er prägte für Aktion Sühnezeichen eine Theologie nach Auschwitz, die sich im christlich-jüdischen Gespräch, in der Arbeit gegen Antisemitismus und in der Orientierung an Frieden und Menschenrechten zeigte. Volkmar Deile initiierte und entwickelte die ASF-Predigthilfen, die noch heute erscheinen, und stieß auch den Arbeitskreis Theologie an. Er repräsentierte ein politisches und theologisches Profil, das von ASF in die kirchliche und zivilgesellschaftliche Welt getragen wurde: auf Kirchentagen, Friedens-Festivals, in Gottesdiensten, Publikationen und Ansprachen.

Volkmar Deile steht für die Abrüstungs- und Friedensbewegung in den 80er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland. 1981 rief ASF zur großen Friedensdemonstration im Bonner Hofgarten auf. In seiner Zeit als Geschäftsführer musste er auch den Anschlag auf eine ASF-Gruppe 1978 in Nablus erleben, bei dem zwei junge Menschen getötet und fünf weitere schwer verletzt wurden. Volkmar begleitete die Freiwilligen und die Angehörigen.

Von 1990 bis 1999 war er Generalsekretär von Amnesty International. Nach seinem Ruhestand wirkte er von 2002 bis 2004 im ASF-Vorstand.

Für viele Menschen bei ASF war Volkmar Deile jemand, an dem sie sich orientierten und der für eine besondere Ausrichtung der ASF-Arbeit stand. Er war mit seinem Engagement, mit seinen klaren, klugen und nicht dogmatischen Positionen für viele ein Vorbild. Er war uneitel und unprätentiös. Man hatte immer das Gefühl, dass es ihm um die Sache geht, nie um seine Person.

Volkmar Deile wird uns mit seiner Haltung, seiner theologischen und politischen Ausrichtung, mit seiner Verbundenheit und seiner Freundschaft fehlen. Unser tiefes Mitgefühl gilt seiner Frau, seinen Kindern und Enkelkindern.

Wir bilden hier einige Stimmen ab von Menschen, die Volkmar in den Jahrzehnten bei ASF begegnet sind.

 

Gabriele Scherle, Pröpstin i.R., Frankfurt, Mitglied im Vorstand der ASF 1980-84 und seit 2019

Volkmar Deile ist es zu verdanken, dass die christlichen Wurzeln der Aktion Sühnezeichen/Friedensdienste (ASF) in den 1980ern nicht in Vergessenheit gerieten.

Mit seinen Predigten auf dem Festival der Friedensdienste, der Gründung des Theologischen Arbeitskreises und seiner produktiven Zusammenarbeit mit Kurt Scharf hat er zeigen können, dass jenseits von kirchlicher Bürgerlichkeit und kritikloser Verehrung des realen Sozialismus eine theologische und politische Positionierung möglich ist. So hat er dazu beigetragen, dass ASF sich als widerstandsfähig gegen antijüdische und antisemitische Tendenzen auch in den sozialen Bewegungen gezeigt hat. Gleichzeitig konnte ASF als christliche Organisation eine zentrale Rolle in der Friedensbewegung spielen.

Volkmar Deile war aber nicht nur politisch, sondern auch persönlich prägend. Er konnte klare Überzeugungen mit einem großen Interesse an den Jungen mit ihren Lebenswegen und Anliegen verbinden. Es ging ihm nicht um sich, sondern um die Menschen und die Sache. Mir hat er als Spätberufene mehr zugetraut als ich mir selber und mir den Weg ins Theologiestudium geöffnet. Viele andere könnten sicher einstimmen, wenn ich sage: Gott sei Dank für Volkmar!

 

Elisabeth Raiser, Vorsitzende von ASF 2010-2015

Gedenken an Volkmar Deile

Volkmar Deile war für mich ein kluger, loyaler und in vielen Situationen unersetzlicher Freund. Ich lernte ihn per Telefon kennen, als er Geschäftsführer von ASF war und hatte mit ihm in den Jahren der Friedensbewegung mehrere Gespräche über die richtigen Strategien für uns Frauen für den Frieden in Westfalen, die wir unsere  Mitmenschen für eine gewaltlose Friedenspolitik gewinnen wollten. Wir haben Volkmars Rat fast immer mit großem Gewinn befolgt. Dann kamen die Jahre des Konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung. Volkmar war damals Beauftragter der Konferenz  Europäischer Kirchen für die Vorbereitung und Durchführung der Ersten Europäischen Ökumenischen Versammlung ‚Frieden in Gerechtigkeit‘ in Basel an Pfingsten 1989. Ich war im Leitungskreis für diese Versammlung.  Volkmar war maßgeblich daran beteiligt, sie  zum Erfolg werden zu lassen. Unvergesslich ist für mich unter vielen andern die Szene, wie bei der Schlussrede  plötzlich eine Gruppe von Basler Hausbesetzern das Mikrophon an sich riss, der Redner – es war mein Vater! -  sich unter das Pult verzog und abwartete, Volkmar auf die Bühne sprang, mit den jungen Leuten verhandelte, sie 5 Minuten ihr Anliegen vorbringen ließ, worauf mein Vater wieder aus der Versenkung auftauchen und seine Rede in aller Ruhe zuende bringen konnte.  Volkmar hatte die Situation gerettet! – Dann kam der 1. Ökumenische Kirchentag  2003 in Berlin. Volkmar war der Entsandte der EKBO für dieses Ereignis beim Kirchentagskollegium in Fulda, ich war im Vorstand des Kirchentags und sollte zusammen mit Hans Joachim Meyer vom Zentralkomitee der Deutschen Katholiken diesen Kirchentag leiten. Was hätten wir ohne Volkmar gemacht?  Er hat die Strukturen für den ÖKT entwickelt, hat die theologischen und politischen Inhalte mit den Gremien konzipiert und hat uns bei der Moderation der oft komplizierten Sitzungen des Katholisch- evangelisch- freikirchlichen Präsidiums  konstruktiv und unkonventionell  unterstützt. Immer war er da und immer war er hilfreich.

Volkmar war ein wunderbarer Kollege und Freund, es war ein Geschenk mit ihm zusammenzuarbeiten. Danke!

 

Jörn Böhme, Referent für Nahost und Nordafrika in der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag, 1980-1987 Israel-Referent im Büro von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Berlin, 
1974-1976 Freiwilliger der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in den USA

Das letzte Mal  sah ich Volkmar Ende Februar bei dem „Altherrenmahl“. So nannte er ein ab und zu stattfindendes Treffen alter Freunde, zu dem er einlud. Umarmt habe ich ihn da schon nicht mehr – wegen Corona.

Volkmar Deile – Volkmar – dieser Name begleitete mich seit 44 Jahren. Ich lernte ihn als USA-Freiwilliger von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) kennen. Während meines Studiums betreute ich einige Male Seminare bei ASF. Eine besondere Herausforderung war 1978 ein Nachbereitungsseminar mit Freiwilligen, die bei dem Anschlag in Nablus verletzt worden waren, an dem auch Volkmar teilnahm.

Volkmar spielte an mehreren Weggabelungen meiner beruflichen Laufbahn eine wesentliche Rolle. Er holte mich 1980 als Israel-Referent zu ASF, bestärkte mich zu bleiben, als ich zweifelte, der Aufgabe gewachsen zu sein. Viele Jahre später, als er Generalsekretär von Amnesty International war, musste er mir die für mich in der Arbeitslosigkeit schwierige Entscheidung überbringen, dass ich die ersehnte Stelle nicht bekommen hatte.

In den Jahrzehnten unserer Freundschaft habe ich viel und immer wieder von ihm gelernt – über Frieden, Demokratie und Menschenrechte – nicht zuletzt an der Kritik auch an ASF und an Bündnis 90/Die Grünen, denen er sich so verbunden fühlte.

Das geschah vor allem bei den regelmäßigen privaten Treffen zusammen mit einigen  anderen Freundinnen und Freunden, die wir ironisch „Treffen zur Besprechung der Rettung der Welt“ nannten.  In den Bonner Jahren trafen wir uns im Weingut Hostert in Resch an der Ahr, in den Berliner Jahren in Kneipen in Kreuzberg und Schöneberg.

Dass er gerade jetzt starb, wo die oben genannten Werte so gefährdet sind, könnte der Traurigkeit über seinen Tod noch Hoffnungslosigkeit hinzufügen. So aber hatte er – als treuer Diener Gottes und der Menschen – die mit seiner wunderbar tiefen und weichen Stimme gesprochene Aufforderung bei jedem Abschied gewiss nicht gemeint: „Halt dich wacker!“

 

Julia von Normann, ehrenamtliche Teamerin für Sommerlager und Freiwilligen-Seminare, 2013-2018 Mitglied im Vorstand der ASF, 2002-2003 ASF-Freiwillige in Izieu, Frankreich

Der Verlust von Volkmar Deile hat mich mit großer Traurigkeit erfüllt. Volkmar hat für mich auf äußerst beeindruckende Weise zwei Ebenen und Welten in einer Person zusammengebracht, die auch für mich gedanklich immer untrennbar zusammengehört haben: ASF und Menschenrechte. Verbunden mit dem Verein u. a. in der Zeit der großen Friedensdemonstrationen – für mich als Freiwillige der 2000nder Jahre bei den Vorbereitungen zum 50-jährigen Vereinsjubiläum eine Entdeckung! – war er für mich auch personifizierte ASF-Geschichte. Unvergessen sind mir Volkmars Begegnungen mit den Freiwilligen in Hirschluch, mit denen er einen ganzen Abend lang – brillant und geradlinig, streitbar, aber immer auch ermutigend – über aktuelle Themen und die Menschenrechtslage weltweit diskutierte, ohne dabei in irgendeiner Weise stromlinienförmig oder bevormundend zu sein. Diesen Abenden habe ich immer wieder entgegengefiebert, waren sie für mich als stiller Zuhörerin doch immer eine Inspiration im öden Bibliotheksallerlei des Studienalltags, eine Perspektive, was möglich ist, wenn man sich einmal durch die Paragraphen gewühlt hat. Ein solcher Abend mit Volkmar bedeutete Denkansätze und Motivation für mindestens ein weiteres Semester und einen Erinnerungsschatz für mehrere Jahre. Für die Chance dieser prägenden Begegnungen mit diesem beeindruckenden Menschen bin ich bis heute sehr dankbar. Ich  wünsche seiner Familie, Freund:innen und Weggefährt:innen viel Kraft in dieser schweren Zeit.

 

Jürgen Strache,1976 bis 1980 Landesbeauftragter in Israel.

Vielen Dank Volkmar! Ich bin froh und glücklich, dass ich dich über fünf Jahrzehnte kennen und mit Dir befreundet sein durfte. Zu meiner Zeit als Hauptamtlicher für ASF in Israel 1976-1980 warst du Geschäftsführer in Berlin. Wir hatten ständigen Kontakt miteinander und zur Zeit des Anschlages in Nablus im April 1978 und im Herbst 1979, als unsere beiden Freiwilligen in Damaskus im Gefängnis saßen, warst du mir durch viele Besuche und Gespräche eine unglaublich wertvolle Stütze. Wir waren dann noch einige Jahre zusammen im Vorstand - zusammen mit Kurt Scharf, Dietrich Goldschmidt, Brigitte Gollwitzer und Gertrud Gumlich, um nur einige zu nennen. Merkwürdigerweise hatte ich engeren Kontakt zu Dir, seit wir 1991 nach Schweden ausgewandert sind. Zwei bis drei Mal im Jahr kam ich nach Berlin und habe dich dann immer in der Dickhardt-Straße besucht. Unvergessen sind mir die Diskussionen mit Dir über die politische und auch kirchenpolitische Situation in Deutschland, Menschenrechte und Flüchtlingspolitik, auch im Vergleich zu Schweden, das nun meine neue Heimat geworden war. Daraus wurden dann unsere Altherrentreffen mit Jens Pohl, Heiner Holland, Jörn Böhme, Mike Heimbach, und zuletzt waren auch Wolfgang Brinkel und Torsten Schramm und Klaus Wiesinger dabei. Du nanntest das freundlich spöttisch unser „Altherrenmahl“. Unvergessen unser beider Reise nach Israel 2006, unvergessen  für mich aber auch bei euch zu Hause der riesige Teller mit Monikas Weihnachtsgebäck im Januar oder Februar. Volkmar, Du fehlst nicht nur deiner lieben Frau und den Kindern, sondern auch uns und vielen anderen. Als wir uns das letzte Mal vor über einem Monat zum „Altherrenmahl“ trafen, ging es Dir nicht gut, aber alle Fragen nach deiner Gesundheit hast du ziemlich schroff abgewiesen. Du wolltest andere damit nicht behelligen. Ich hoffe, dass wir uns, wenn es wieder möglich wird, auch weiterhin treffen. Ohne Dich, und das ist schlimm, denn wir vermissen Dich, aber in Deinem Sinne, und wir werden an Dich denken.

 

Ulrich Frey1972-2000 Geschäftsführer der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden e.V. (AGDF)

Abschied von Volkmar Deile?

Nein, das ist für einen Zeitgenossen und aktiven Mitstreiter wie mich nicht möglich. Ich war zu seiner Zeit Geschäftsführer des Dachverbandes der christlichen Friedensdienste AGDF und konnte seit 1972 alle Geschäftsführer der ASF in teilweise schwierigen Situationen begleiten. Volkmar ist derjenige unter ihnen, der in seinem Dienst für Frieden, Gerechtigkeit und Menschenrechte nicht nur ASF, sondern auch den Friedensdiensten bis heute insgesamt ein kritisch-konstruktives Profil in Kirchen, Gesellschaft und Politik verschafft hat.

In meiner Erinnerung an Volkmar tauchen auf: zum Beispiel das Festival der Friedensdienste in Friesenhausen und Beienrode mit nächtlichen Runden zur Formulierung von Pressemeldungen, die friedensethisch und friedenspolitisch extrem aufregende Vorbereitung und Durchführung der Kundgebung und Demonstration gegen die „Nachrüstung“ am 10.10.1981 in Bonn mit Auseinandersetzungen mit der EKD, dem Präsidium des Kirchentages, politischen Parteien und auch Friedensfreunden, die Geburtshilfe für den Konziliaren Prozess seit 1983 in deutschen Kirchen, die Kooperation mit Aktion Sühnezeichen in der DDR, ...

Bis zu seinem Tode hatte ich Kontakt zu Volkmar als einem persönlichen großherzigen Freund, einem sensiblen Menschen in Zeiten des Umbruchs mit Ziel „Umkehr“, für die er in seinem Glauben gelebt hat. Sein Urteil war streng gegen sich und andere, konsequent und anleitend, aber nicht beherrschend.

Danke, Volkmar!

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